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25 Juni
Sonntag, den 25.06.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Hochzeitskleid

Hoch-Zeit

Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis (Mt 22,1-14)

Meine lieben Brüder und Schwestern, der Juni ist der Monat der Hochzeiten. Und ich durfte gestern gleich zwei Paare segnen, die vor Gott und allen Anwesenden laut und vernehmlich „Ja“ zueinander gesagt haben. Beide Hochzeiten waren wunderschön, so wie das sich für diesen großen Tag gehört.

Braut und Bräutigam, die glücklich mit der Sonne um die Wette strahlen, fröhliche Menschen in festlichen Kleidern, die die beiden umringen, ein Regen aus Rosenblättern. Üppig gedeckte Tische, gute Speisen und edle Weine, Tischreden und Trinksprüche, kleine Kinder mit Blumenkränzen im Haar, Tanzen bis in den frühen Morgen…

Es sind Augenblicke einer heilen Welt mit lauter glücklichen Menschen, die zusammen die Liebe feiern. Jedes Fest hat etwas von dieser heilen Welt in sich, wo Menschen wenigstens für ein paar Stunden friedlich und fröhlich zusammen sind. Jedes Fest stoppt das Hamsterrad des Alltags. Aber eine Hochzeit überbietet alles.

In vielen Kulturen verschulden sich ganze Familien, um dann ein richtig großes Fest für die Tochter oder den Sohn auszurichten. Ein Fest, das jeden Rahmen sprengt. Wirtschaftlich gesehen ist das der totale Wahnsinn. Die pure Verschwendung. Aber wir Menschen brauchen solche Feste. Sie sind für uns lebens-not-wendig. Denn wir sind, wie der Philosoph Odo Marquardt einmal bemerkte „Lebensexzentriker“. Alle anderen Lebewesen leben ihr Leben. Der Mensch aber lebt sein Leben nicht nur, sondern er kann auch darüber nachdenken, es gestalten, ihm eine andere Richtung geben: Neues erschaffen, staunen und lieben.

Aber all das können wir nur, weil wir immer wieder auf Distanz gehen können zu unserem eigenen Leben. „Sein Leben leben: das ist beim Menschen sein Alltag“, stellt Odo Marquardt fest und fährt fort: „Auf Distanz gehen zu seinem Leben: das ist beim Menschen das Fest.“ (Odo Marquardt, Zukunft braucht Herkunft, Philosophische Essays, Stuttgart 2003, 194ff., 195)

Deswegen haben wir es so nötig! Und eine Hochzeit ist das Fest der Feste. Sie hält nämlich für uns das Versprechen bereit, dass das Leben mehr ist, tiefer geht und dass in Wahrheit die Liebe der tragende Grund unseres Daseins ist.

Ich muss gestehen, dass mir bei jeder Hochzeit die Tränen kommen. Und ich vermute mal, es geht vielen so wie mir. Warum aber ist das so, liebe Brüder und Schwestern? Woher kommen diese Tränen der Rührung? Ist es das Ergriffensein, dass da zwei Menschen bedingungslos „Ja“ zueinander sagen in einer Welt, in der doch so vieles brüchig und flüchtig scheint? Ist es Sehnsucht, dass diese große Liebe kein Märchen sein möge, sondern Wirklichkeit?

Hochzeiten berühren und faszinieren groß und klein. Das war schon immer so. Junge und Alte unterbrechen ihre Besorgungen, bleiben mitten auf der Straße stehen und schauen, wenn ein Brautpaar aus der Kirche oder Standesamt kommt. Sie hupen, wenn sie an ihnen vorbeifahren, als wollten sie das Glück der beiden nochmal lautstark bekräftigen. Und wer freute sich da nicht, dann eingeladen zu sein und mitfeiern zu dürfen?

Im heutigen Predigttext greift Jesus das Bild von der Hochzeit auf, um einmal mehr zu erklären, was es mit diesem Himmelreich auf sich hat, von dem er nicht müde wird immer und immer wieder zu reden. Im 22. Kapitel des Matthäusevangeliums erzählt Jesus folgendes Gleichnis:

Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach: 2 Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. 3 Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; doch sie wollten nicht kommen. 4 Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! 5 Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. 6 Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. 7 Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. 8 Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren’s nicht wert. 9 Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. 10 Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, alle, die sie fanden, Böse und Gute; und der Hochzeitssaal war voll mit Gästen. 11 Da ging der König hinein zum Mahl, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, 12 und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. 13 Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis! Da wird sein Heulen und Zähneklappern. 14 Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Meine lieben Brüder und Schwestern! Da ist ein Vater, der voller Freude und Stolz seine ganze Sippschaft und alle seine Freunde einlädt, um die große Liebe seines Sohnes zu feiern. Ein bombastisches Fest soll es werden. Eine wahrhaft königliche Hochzeit.

Aber die Gäste nehmen von der Einladung erst gar keine Notiz. Sie haben Wichtigeres zu tun. Es steht ihnen nicht der Kopf danach, ihre Geschäfte zu unterbrechen. Sie leben ihr Leben. Das genügt ihnen. Mehr erwarten sie nicht. Im Gegenteil. Sie sind zufrieden und wollen nicht gestört werden. Und sie finden es eine Frechheit, dass man sie mit so einer Hochzeitseinladung überhaupt behelligt und töten sogar in ihrer Wut die Boten. Die Antwort des königlichen Gastgebers auf die Absagen ist heftig: sein Heer tötet die Mörder und zerstört ihre Städte.

Jesus erzählt diese Geschichte den Hohenpriestern und Ältesten, die ihm Tempel von Jerusalem wegen seiner Lehre und seinem Tun zur Rede stellen wollen. Denn sie ärgern sich über ihn, fühlen sich von ihm gestört und fragen immer wieder: Mit welcher Vollmacht meinst Du hier so reden zu dürfen? Sie warnt er eindringlich: „Gott will Hochzeit halten und er lädt Euch ein, diese große Liebe gemeinsam mit ihm zu feiern. Wehe Euch, wenn ihr seine Einladung selbstzufrieden überhört oder gar ausschlagt!“

Heute sind wir es, liebe Brüder und Schwestern, die die Worte Jesu hören. Und gilt seine Warnung nicht auch uns? Leben nicht auch wir oft vor uns hin in der Meinung, so viel Wichtiges zu tun zu haben, dass wir von Gott nicht gestört werden wollen? Sind wir nicht auch wir viel zu oft solche Festmuffel, die selbstzufrieden ihr Leben leben?

Gottes Einladung auszuschlagen aber heißt, die Chance unseres Lebens, das wirkliche Fest zu verpassen.  Denn wo wir nicht mehr gestört werden wollen in der Routine unseres Lebens und mit Scheuklappen durch den Tag hetzen, wo wir nur der eigenen Wichtigkeit dienen und nicht mehr von uns selber absehen können, da verfehlen wir tatsächlich unseren Lebenssinn als Menschen. Wo wir nicht mehr bereit sind zu staunen, zu lieben und uns immer wieder von der Sehnsucht nach einer heilen Welt zu Tränen rühren zu lassen, da sind unsre Städte, unser Zusammenhalt also, tatsächlich schon längst zerstört. Es braucht kein himmlisches Heer mehr dafür! Das haben wir Menschen dann schon selbst angerichtet!

Aber das Tröstliche ist: Gott gibt nicht auf. Er hat alles vorbereitet und will die Hochzeit seines Sohnes nun nicht alleine feiern. Wieder schickt er seine Boten auf die Straßen: „Ladet alle ein! Ohne Ausnahme! Die Guten und die Bösen. Alles ist bereitet!“ Und der Festsaal füllt sich mit Gästen. Mit all den Sehnsüchtigen dieser Erde, die sich nicht zufrieden geben können mit der Welt, wie sie ist, und die sich anrühren lassen von einer Liebe, die so groß ist, das sie alle umfängt. Die davon träumen, dass es einmal eine Welt geben wird ohne Trauer, ohne Tränen ohne Tod.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Das Gleichnis könnte hier zu Ende sein. Ein richtiges Happy End könnte das sein. Aber Jesus wendet sich noch einmal an seine Zuhörer und Zuhörerinnen. Er wendet sich noch einmal an uns.

Da ist nämlich einer, der kein Hochzeitsgewand anhat, erzählt er weiter. Und der König fragt ihn: „Mein Freund, wie konntest du hier ohne hochzeitliches Gewand erscheinen?“ Der Gast weiß auf diese Frage keine Antwort. Und das Ende dieser Geschichte ist wiederum erschreckend. Der König lässt den Gast fesseln und in die äußerste Finsternis werfen. „Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt“, zieht Jesus knallhart das Fazit.

Was ist damit gemeint? Hier geht es ganz sicher nicht um eine bürgerliche Kleiderordnung, die unter Strafe einzuhalten ist. Es erinnert vielmehr an den Rat des Apostel Paulus, den neuen Menschen, Christus also, anzuziehen und in ihm zu bleiben. Und der Stoff, aus dem dieses Gewand gewebt ist, ist die Liebe zum Nächsten, zu Gott und zu uns selbst. Wir können nicht mitfeiern, wenn wir nur an uns selbst denken und den Himmel nur für uns erwarten. Darum geht es in dieser Geschichte. Das ist der Ernst unseres Lebens, den Jesus uns hier so drastisch vor Augen führt.

Denn Menschen, die ihre Hände nicht rühren und die ihre Füße nicht bewegen, wenn sie einen anderen in Not sehen, müssen nicht erst von Engeln gefesselt werden. Und wer andere im Dunkeln und im Abseits stehen lässt, befindet sich selbst geistig längst schon in einer Welt voller Verzweiflung und Einsamkeit – er muss dahin nicht erst von den Dienern des Königs verstoßen werden. (Eugen Drewermann)

Wir würden von Gott zu klein denken, liebe Brüder und Schwestern, wenn wir nun glauben würden, dass die Geschichte damit zu Ende ist. Aber das ist sie nicht!

Gott gibt niemanden verloren – auch jenen nicht, der nie zu lieben gelernt hat und ohne Hochzeitsgewand zum Fest erscheint. Mag unsere Kraft zu lieben sich auch allzu schnell erschöpfen, mögen wir darin auch immer wieder scheitern, Gott, der doch die Liebe ist, umfängt uns alle. Er liebt uns nicht nur, bis dass der Tod uns scheidet. Er hat den Tod längst überwunden. Das ist sein Fest mit uns.

Gott darin rückhaltlos zu vertrauen, von sich selbst abzusehen und ganz in dieser Liebe zu leben, das ist ein Gnade, zu der wir zwar alle berufen sind, aber in der nur wenige hier und heute wirklich leben können. Es gibt –Gott sei Dank – immer wieder Einzelne, die mit ihrer Güte und Menschenfreundlichkeit auch in ihrem Alltag durch und durch hochzeitliche Menschen sind, für Gottes Fest werben und uns dafür begeistern.

Wir anderen sind noch auf dem Weg dorthin. Wir brauchen die Tränen der Sehnsucht und die großen und kleinen Feste, die uns immer wieder aus unserem Alltag herausholen und uns an den erinnern, der unser Leben voll Liebe in seinen Händen hält.

Jeden Sonntag sind wir eingeladen zu diesem Fest des Lebens und des Glaubens, das Gott mit uns feiern will. Jeden Sonntag können wir uns ganz bewusst in dieses Hochzeitsgewand kleiden und im Abendmahl üben, wie die Welt sein könnte, wenn wir Menschen uns mit Liebe statt mit Vorurteile begegnen und dankbar sind für die Gaben der Schöpfung.

Jeden Sonntag aufs Neue können wir Christus empfangen und uns ihm so anvertrauen, dass sein Hochzeitskleid, er selbst also, immer mehr zu unserem Lebenskleid wird. Amen

 

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.