Evangelische Kirche in Hessen und Nassau Jetzt folgen
Haben Sie Fragen?
09 Juli
Sonntag, den 09.07.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Geschwisterstreit

Vergebung - Predigt am 4. Sonntag nac Trinitatis

„Ich habe schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu meinem Bruder“, erzählte mir vor längerer Zeit eine Frau sehr traurig. „Er war der Lieblingssohn meiner Mutter. Sie hat ihm jeden Wunsch von den Lippen abgelesen, bis er seine Freundin nach Hause brachte. Und die gefiel unserer Mutter gar nicht. Sie hat kein gutes Haar an ihr gelassen. Daraufhin hat sich mein Bruder nicht nur von unserer Mutter getrennt, sondern auch von uns Geschwistern. Er will von uns allen nichts mehr wissen. Das macht mich ganz kaputt!“

Und ein Sohn gestand mir, dass er nicht ans Grab des Vaters geht, weil er ihm einfach nicht verzeihen kann, wie sehr er die Familie zur Lebzeiten gedemütigt habe.

Meine lieben Brüder und Schwester, ich denke, diese zwei Beispiele sind so typisch, dass sie in jeder guten Familie vorkommen könnten. Und immer wieder fragen sich die Betroffenen dann: wie kann jetzt noch Frieden einkehren? Wie können wir da Familie sein?

Auch der heutige Predigttext aus dem ersten Buch Mose handelt von einem solchen Familienkonflikt und der Frage: Kann Zerbrochenes heilen? Kann Schuld vergeben werden, so dass der Familienzusammenhalt wieder da ist?

Es ist das letzte Kapitel vom ersten Buch Mose und es ist der letzte Akt in der Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Schonungslos werden uns im Vorfeld der heutigen Lesung all die Gemeinheiten dieser Familie erzählt, die zurückgehen auf den Bruderkonflikt zwischen Jakob und Esau und auf den Betrug des Onkels Laban, der dem Jakob statt der geliebten Rachel zuerst deren große Schwester Lea zur Frau gab. Josef ist der Erstgeborene von Rachel. Seine 10 Brüder, die Söhne der Lea, hassen Josef. Denn er ist der Lieblingssohn seines Vaters Jakob und wird offen bevorzugt. Die Brüder sind eifersüchtig, wie nur Geschwister es sein können, die sich zurückgesetzt fühlen. Und der Kleine spielt das auch noch aus. Er gibt an. Er verpetzt sie. „Ich habe geträumt,“ erzählt er ihnen einmal, „dass Ihr Euch alle vor mir verbeugen müsst.“ Unerträglich! Die großen Brüder sinnen auf Rache und werfen Josef in eine leere Zisterne, um ihn das Fürchten zu lehren. Aus diesem dummen Jungenstreich wird bittere Realität. Ein Wort gibt das andere. Und am Ende verkaufen sie ihren Bruder an vorbeiziehende Händler. Dem Vater daheim erzählen sie, dass wilde Tiere den geliebten Sohn getötet hätten. Aber sie werden Josef nicht los. Wie eine dunkle Wolke hängt die Schuld über ihnen, die sie auf sich geladen haben.

Währenddessen wird Josef in Ägypten als Sklave verkauft. Er hat seine Familie verloren. Er ist schutzlos und allein. Aber er verwandelt sich in dieser Situation vom verwöhnten Söhnchen zu einem klugen, weisen Menschen. Als Sklave steigt er schnell auf, bis er schließlich die rechte Hand des Pharaos wird und ein kluger Verwalter, der das Land vor der Hungersnot bewahrt. Diese Not trifft aber stattdessen die Heimat seiner Familie. Josefs Brüder kommen nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Er erkennt sie sofort wieder. Sie jedoch wissen nicht, wer der mächtige Ägypter in Wahrheit ist, der sie hart auf die Probe stellt.

Erst als sie sich im ägyptischen Gefängnis zum ersten Mal ihre Schuld eingestehen, gibt Josef sich seinen Brüdern zu erkennen. „Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt,“ sagt er.

Die Brüder erschrecken zutiefst! Sie fürchten seine Rache. Er aber weint, umarmt sie und rettet seine Familie, indem er sie nach Ägypten holt. 17 Jahre gehen daraufhin ins Land, so erzählt die Bibel, ohne dass die Familie mit Josef Kontakt hatte.

Zum ersten Mal sehen sie sich am Sterbebett des Vaters wieder. Der Bruch zwischen den Geschwistern tritt nun, da der Vater tot ist, wieder offen zu Tage. Und hier setzt der Predigttext für heute ein. Wir lesen im 50. Kapitel des ersten Buch Mose:

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. 18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. So brachte er sie zum Aufatmen und redete ihnen zu Herzen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, obwohl sich Josef als ägyptischer Herrscher seinen Brüdern gegenüber versöhnlich gezeigt und in all den Jahren für seine Familie gesorgt hat, fürchten sie sich nach dem Tod des Vaters immer noch schrecklich vor seiner Rache. Es ist offenbar noch nicht alles gelöst. Der Frieden war nur oberflächlich wiederhergestellt. Der Kitt, der sie zusammengehalten hat, war die Rücksicht auf den Vater. Jetzt nach seinem Tod bricht alles wieder auf.

Und auch Josef hat nicht vergessen, was sie ihm angetan haben. „Ihr habt Böses mit mir gemacht“, erwidert er ihnen auf ihre Bitte, ihnen zu vergeben.

Das Vertrauen zwischen den Brüdern ist nachhaltig gestört. Übergehen und Ausweichen brachten keine Heilung. Das haben die vergangenen 17 Jahre gezeigt, in denen Josef in Ägypten zwar seine Hand über die Brüder gehalten hat, aber kein Kontakt zwischen ihm und seiner Familie bestand. Selbst der Vater Jakob sieht erst kurz vor seinem Tod zum ersten Mal seine Enkel, die Söhne des Josef. Mit anderen Worten: die Familie ist durch die böse Tat der großen Brüder nach wie vor zerrüttet. Und die Frage steht im Raum: Ist Vergebung hier überhaupt möglich? Wie soll aus diesen konfliktrechen Verhältnissen eine intakte Familie werden?

Dass es gelingen kann, wird uns im Folgenden erzählt und macht Mut, Geduld und Hoffnung zu haben, auch mit der eigenen Schuld und mit dem Trauma eigener Verletzungen leben zu lernen. Schauen wir uns also gemeinsam noch einmal an, wie hier Versöhnung möglich wird.

Nachdem die Brüder sich ihre Angst vor der Rache Josefs eingestehen, bekennen sie sich ihm gegenüber zum ersten Mal zu ihrer Tat. Sie fliehen nicht, sie gehen nicht auf Distanz, sondern sie gehen auf ihn zu.

Noch trauen sie sich nicht, ihn von Angesicht zu Angesicht um Verzeihung zu bitten, sondern schicken einen Boten zu ihm. Der erste Schritt ist vollzogen. Sie bekennen, dass sie ihm Böses getan haben. Denn wo Schuld nicht eingestanden wird, ist Erlösung nicht möglich. Wo das Opfer nie um Vergebung gebeten wird, schwelen Streit und Schuld weiter.

All dies fällt den Brüdern unendlich schwer. Stammelnd lassen sie ihm ihre Bitte vortragen: „Vergib doch deinen Brüdern!“ so übersetzt es Martin Luther. Wörtlich steht hier im Hebräischen: „Ach, trage doch das Verbrechen deiner Brüder!“ Sie bitten Josef, die Schuld, die auf ihnen liegt, schleppen zu helfen. Eine ungeheuerliche Bitte! Ausgerechnet er, der von ihnen gequält und verkauft wurde, soll sie darin unterstützen, dass sie an ihrer Last nicht zugrunde gehen.

Die Brüder haben bis ans Ende ihrer Tage mit dieser bösen Tat zu leben. Nichts kann sie ungeschehen machen. Sie gehört nun mal zu ihrer Vergangenheit, zu ihrer persönlichen Geschichte. Sie werden sie nicht los. Aber wenn Josef ihnen die Hand reicht, können sie anders damit umgehen und die Schuld lähmt sie dann nicht mehr im selben Maße.

Auch Josef muss mit der traumatischen Erfahrung leben, von seinen Brüdern verraten und verkauft worden zu sein. Auch er ist durch ihre Schuld belastet. Sie überschattet das Leben der Täter ebenso wie das des Opfers. Sie isoliert und trennt.

Wenn die Brüder Josef nun ausdrücklich bitten, ihre Schuld mitzutragen, dann ist das der Wunsch, sich die Last zu teilen, zusammenzustehen und wieder neu Vertrauen zueinander zu gewinnen. Und indem sie damit in Kauf nehmen, dass er auch „Nein“ sagen kann, zeigen sie, dass sie selbst bereit sind, ihm zu vertrauen trotz ihrer Angst vor seiner Rache.

Als Josef ihre Bitte hört, weint er. Generationen von Rabbinern und christlichen Theologen haben gerätselt, was diese Tränen zu bedeuten haben. Weint er, weil seine Brüder sich vor ihm fürchten? Weint er, weil sie ihm zutrauen, sich an ihnen rächen zu wollen? Weint er aus Sehnsucht, endlich ein Bruder unter den Brüdern zu sein? Weint er, weil die alten Wunden wieder aufreißen? Oder weint er vielleicht, weil er ihnen nicht vergeben kann?

Wie man die Tränen auch deutet, sie ermutigen die Brüder jedenfalls, nun selbst zu Josef zu gehen. Bislang hatten sie sich das nicht getraut, sondern einen Vermittler geschickt. Nun aber haben sie den Mut, ihm selbst in die Augen schauen. Und da scheinen sie den Trost zu finden, den sie gesucht haben. Denn sie können nun endlich wieder aufatmen, wie es ausdrücklich in unserem Text am Schluss heißt.

Liebe Brüder und Schwestern.Versöhnung ist ein ganz körperliches Geschehen. Vielleicht haben Sie das auch schon erlebt, wie belastend und bedrückend es ist, wenn Vertrauen allein schon ein falsches Wort zerstört werden kann. Und wie leicht wir uns fühlen, wenn dieses Vertrauen zurückkehrt. So mag es auch den Brüdern bei Josef ergangen sein, die wieder befreit aufatmen können. Und das, obwohl Josef das von ihnen erhoffte Wort der Vergebung nicht gesagt, sondern sie auf Gott verweist. Auf ihre Bitte, ihnen zu vergeben, antwortet er nicht: „Ich vergebe Euch!“ sondern er sagt: „Bin ich denn Gott?!“

Es ist altes biblisches Wissen, dass nur Gott allein Schuld wirklich vergeben kann. Und er tut es. Beim Propheten Micha heißt es sogar: „Gott wirft unsere Sünde ins tiefe Meer!“ Was für eine Wahrheit.

Und wenn wir als Christen glauben, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, dann geht es wohl genau darum: Gott ist der Einzige, der unsere Schuld so mittragen kann, dass sie uns nicht mehr belastet und lähmt. Er ist der Einzige, der sie uns abnehmen kann, damit wir wieder neu beginnen können.

Sonntag für Sonntag lassen wir uns das in der Kirche sagen. Wir müssen es immer wieder hören, um es glauben zu können. Und die lutherischen Gemeinden tun gut daran, dass sie wie die Katholiken die Beichte als Angebot beibehalten haben, wo einem Menschen ganz konkret auf seine Situation hin gesagt wird: „Deine Sünden sind Dir vergeben! Geh hin in Frieden!“

Liebe Brüder und Schwestern, Gott ist die Instanz, die wirklich Vergebung schenken kann. Das ist ein ungemein tröstlicher Gedanke auch gerade dann, wenn Schuld so schwer wiegt, dass sie untragbar ist, und einer, wie jener Sohn, von dem ich am Anfang erzählt habe, es noch nicht mal über sich bringt, das Grab des Vaters zu besuchen.

Als ich einmal vor Jahren in so einer Situation war, weil mein bester Freund mich verraten hatte, gab mir ein alter Pfarrer Folgendes mit auf den Weg: „Wenn Du einem anderen nicht vergeben kannst und Dir jedesmal vor Zorn die Tränen kommen, wenn Du nur an ihn denkst, dann mach nichts anderes, als in diesem Moment zu sagen: „Gott segne diesen Menschen!“ Du musst ihm nicht vergeben. Überlass Gott den anderen, der Dir so wehgetan hat. Er wird es richten!“

Ich habe diesen Rat befolgt und gemerkt, dass mein Zorn und meine Enttäuschung über die Monate und Jahre hinweg dadurch Stück für Stück immer kleiner wurden. Vor einiger Zeit bin ich diesem Freund wieder begegnet. Und wir haben uns nach langer Zeit aussprechen können.

Und als ich den heutigen Predigttext wieder einmal gelesen habe, habe ich den Rat hier wiedergefunden. Denn dort wo Josef seinen Brüdern antwortet: „Ja, bin ich denn an Gottes Stelle!“ meint er doch nichts anderes als: „Ich muss es nicht richten! Ich muss die Vergebung nicht tun! Nur Gott kann das! Und der weiß wie.“

 

Und Josef zieht ein unglaublich tröstlichen Schluss aus seinem Erleben mit den Brüdern: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen,“ sagt er, „aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ Ein Gedanke, der schon viele Menschen in ihrer Not getröstet hat. Denn Gott kann auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen. Das Böse bleibt böse. Und man muss sich hüten, die Gewalttat als göttliche Heilstat zu verklären.  Aber es bleibt nicht bei dem bösen Tun. Das letzte Wort hat Gott. Er sorgt dafür, dass Gerechtigkeit geschieht.

 

Und indem Josef das seinen Brüdern mit gibt, ermöglicht er ihnen, die Vergangenheit in einem anderen Licht zu sehen. Denn seit dem Tag, als sie sich im Gefängnis ihr Verbrechen eingestanden hatten, sahen sie alles Unglück, das ihnen im Leben geschehen ist, als Strafe Gottes. Und Josef bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Schuld anders wahrzunehmen: Gott hat Böses zu Gutem gefügt, sagt er und reicht ihnen damit die Hand, von nun gemeinsam im Frieden zu leben.

Liebe Brüder und Schwestern,Versöhnung ist also möglich, wenn wir auf Rache verzichten, die Hoffnung nicht aufgeben und den Glauben, dass Gott es richten wird, wo wir nicht weiterwissen.

Neulich rief mich jene Frau an, von der ich zu Beginn erzählt habe. Lange habe die Mutter im Sterben gelegen, berichtete sie mir, verzweifelt habe sie am Leben festgehalten, als ob es da noch etwas gäbe, das sie unbedingt klären müsse, bevor sie geht.  Schließlich hätten sie nicht mehr anders zu helfen gewusst, als den verschollenen Bruder ausfindig zu machen, der auch tatsächlich Wunder über Wunder sofort gekommen sei, um die Mutter noch einmal zu sehen. Sie konnte nicht mehr sprechen, und es war auch nicht klar, was sie alles noch mitbekommt. Aber als der Sohn ans Bett trat, suchte ihre Hand seine und drückte sie leicht. In der Nacht darauf ist sie friedlich gestorben. „Und Du wirst es nicht glauben,“ meinte ihre Tochter am Telefon. „Seitdem telefonieren mein Bruder und ich regelmäßig. Es ist nicht einfach für uns beide, aber es gibt noch so vieles, was wir uns erzählen und worüber wir sprechen müssen!“

Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.