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16 Juli
Sonntag, den 16.07.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Am Haken

Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis am 16. Juli 2017

Meine liebe Schwestern und Brüder!

Warum sind Sie heute Morgen hier? Warum sind Sie an Ihrem freien Tag früh aufgestanden, um hierher in den Gottesdienst zu kommen? Was wünschen Sie sich? Mit welchen Erwartungen sind Sie hier?

Sind Sie heute morgen hier, um mal aufzutanken, um wenigstens einmal in der Woche zu sich zu kommen, um zu beten, um andere zu treffen, um in dieser Gemeinschaft Gott zu begegnen, um zu singen – denn wo tun wir das heute sonst noch gemeinsam? Um einfach mal Danke zu sagen oder weil es einfach zu Ihrem Sonntag dazugehört wie das Zähneputzen am Morgen? Nehmen Sie sich jetzt bitte einen Moment Zeit. Herr Roth wird unser Nachdenken und –sinnen musikalisch begleiten. Warum sind Sie heute morgen hier?

Als Predigerin würde ich gerne wissen, mit welchen Erwartungen und Fragen Sie heute Morgen hier in der Kirche sitzen. Denn sollte meine Predigt nicht eine Antwort geben, auf Ihre Fragen, auf Ihre Sehnsucht? Weshalb dürfte ich sonst hier stehen und 15 Minuten reden, ohne unterbrochen zu werden?

Und vielleicht mögen Sie es mir nachher im persönlichen Gespräch erzählen, warum Sie sonntags in den Gottesdienst gehen.

Wäre ich Facebook, wüsste ich vermutlich schon längst, warum Sie hier sind, auch ohne dass Sie es mir sagen. Zumindest wenn Sie gelegentlich im Internet surfen. Denn Facebook hat ein neues Instrument entwickelt. „Deep text“ nennen sie es. „Deep“ heißt tief und darum geht es auch: um die tiefer liegenden Bedürfnisse, die sich in den Nachrichten der Facebook-Nutzer verbergen. 1000 Nachrichten in 20 Sprachen innerhalb einer Sekunde kann  „deep text“ duchforsten und daraufhin den Facebook-Nutzern maßgeschneiderte Angebote präsentieren. Die Angeboten, die eine Antwort auf ihre Bedürfnisse und Wünsche sind – oder zumindest zu sein scheinen. Vielleicht haben Sie das selber schon erlebt.  Um ehrlich zu sein: Ich finde das manchmal ziemlich gruselig, wenn bei Google auf einmal Werbung auftaucht für etwas, das ich tatsächlich gut gebrauchen könnte. „Woher weiß Google, dass ich brauche?“ frage ich mich, klicke auf die Kaufempfehlung und hänge bereits „am Haken“. So nennt das zumindest der Journalist Nir Eyal, der ein sehr unterhaltsames Buch über den Erfolg von Facebook und Co geschrieben hat.  Facebook stille die uralten Bedürfnisse des Menschen, wahrgenommen zu werden mit all seinen Wünschen und Bedürfnissen, nicht einsam zu sein und in einem umfassenden Sinne unterhalten zu werden, schreibt er. Die Unternehmen, die in diese Richtung ihre Netze und Angelhaken auswerfen, ziehen die meisten Kunden an Land. Sie sind Menschenfischer, die im world wide web – im weltweiten Netz – auf Jagd gehen und reiche Beute machen.

Von „Menschenfischer“ ist auch im Evangelium die Rede. Es steht bei Lukas im 5. Kapitel: Einmal drängte sich die Volksmenge um Jesus und wollte hören, wie er Gottes Wort verkündete. Jesus stand am See Gennesaret. Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und reinigten die Netze. Jesus stieg in eines der Boote, das Simon gehörte. Er bat Simon, ein Stück vom Ufer wegzufahren. Dann setzte er sich und sprach vom Boot aus zu den Leuten. Als Jesus seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: »Fahre hinaus in tieferes Wasser! Dort sollt ihr eure Netze zum Fang auswerfen!« 5Simon antwortete: »Meister, wir haben die ganze Nacht hart gearbeitet und nichts gefangen. Aber weil du es sagst, will ich die Netze auswerfen.« 6Simon und seine Leute warfen die Netze aus. Sie fingen so viele Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. 7Sie winkten die Fischer im anderen Boot herbei. Sie sollten kommen und ihnen helfen. Zusammen beluden sie beide Boote, bis sie fast untergingen. 8Als Simon Petrus das sah, fiel er vor Jesus auf die Knie und sagte: »Herr, geh fort von mir! Ich bin ein Mensch, der voller Schuld ist!« 9Denn Schrecken ergriff ihn und die anderen, die dabei waren, weil sie einen so gewaltigen Fang gemacht hatten. 10So ging es auch Jakobus und Johannes, den Söhnen von Zebedäus. Sie arbeiteten eng mit Simon zusammen. Da sagte Jesus zu Simon: »Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein!« 11Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten Jesus.

Soweit die Worte des Evangeliums

Liebe Schwestern und Brüder! Ich habe diese Geschichte immer geliebt: die vollen Boote und die Begeisterung der Fischer. Menschenfischer im Sinne des Evangeliums sind Leute, die sich von der Sache mit Gott begeistern lassen und andere mitreißen können. Das Bild hat aber auch eine kritische Seite. Bedeutet „Menschen fischen“ nicht auch, sie zu ködern und abhängig zu machen, so wie Facebook das tut? Geht dieses Unternehmen nicht zumindest für die, die ins Netz gehen, meist tödlich aus? Wer am Haken hängt, ist nicht mehr frei.

Dieses Unbehagen lässt sich, so meine ich, nicht weg reden. Und wo Predigt manipulativ wird und um Prediger ein Personenkult entsteht, da wird diese Ambivalenz auch in der Kirche sichtbar.

Wichtig aber im Vergleich mit dem Fischer ist: Er muss die Bewegungen der Schwärme, die Strömungen und Wetterverhältnisse genau beobachten. Er fährt dorthin, wo die Fische sind, entwickelt für ihre Gewohnheiten ein Gespür. Wenn Jesus seine Jünger also Menschenfischer nennt, dann geht es ihm wohl genau darum. Er selbst hat die Menschen ja auch dort aufgesucht, wo sie leben: auf den Marktplätzen und auf den Straßen, an den Hecken und Zäunen, bei ihnen zuhause. Und er nimmt ihre Bedürfnisse ernst und geht nicht über sie hinweg. So wie auch im heutigen Predigttext. Er sieht den Frust von Petrus und seinen Kollegen, weil sie die ganze Nacht über gearbeitet, aber trotzdem nichts gefangen haben. Er sieht ihren Wunsch und ihr existentielles Bedürfnis, Beute zu machen und damit sich und ihre Familien versorgen zu können. Und er antwortet erst einmal darauf: „Fahrt nochmal raus und werft Eure Netze auf der anderen Seite aus,“ sagt er ihnen. Und tatsächlich: die Fischer machen den Fang ihres Lebens. Die Netze sind zum Platzen gefüllt mit Fischen. Und weil Jesus gesehen hat, was sie brauchen, und sie darin ernst genommen hat, sind bereit weiterzuschauen und sich von ihm und seiner Botschaft mitreißen zu lassen.

In der Nachfolge Jesu müssen wir also auch in der Kirche nach dem „deep text“ fragen, nach den tieferliegenden Bedürfnissen derer, die in den Gottesdienst kommen.

Meine Eingangsfrage war also nicht rhetorisch. Sie ist mir, sie ist uns, so meine ich, von Jesus aufgegeben: Sucht gemeinsam Antworten auf die Fragen, die Euch bedrängen! Stillt in meinem Namen gemeinsam Euren Hunger nach Liebe, nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Glück. Bleibt gemeinsam Eurer Sehnsucht auf der Spur! 2000 Jahre vor Facebook geht es Jesus um diesen „deep text“! Um die tiefen Bedürfnisse der Menschen.

Was also unterscheidet die Menschenfischer in der Nachfolge Jesu von denen im Internet?

Um das zu beantworten, müssen wir im Evangelium weiterlesen und uns anschauen, wie Jesus Menschen begegnet. Zwei Erzählungen von solchen Begegnungen sind da, so meine ich, für meine Frage aufschlussreich.

Die eine steht bei Markus. Ein blinder Bettler sitzt, von den Vorübergehenden unbeachtet, am Wegesrand. Als er hört, dass dieser Wunderheiler und Wanderprediger Jesus in der Stadt ist, schreit er ihm mit der Macht der Verzweiflung hinterher: „Hab Erbarmen mit mir! Hilf mir!“ Und was macht Jesus? Er dreht sich um und stellt eine entscheidende Frage: „Was willst du?“ „Ich will endlich wieder sehen!“ antwortet der Blinde darauf. Und seine Antwort ist nicht wirklich überraschend. Ist nicht offensichtlich, was der Blinde sich wünscht? Und doch will Jesus es von ihm selber wissen. Er unterstellt dem Blinden nicht, was der braucht, auch wenn das noch so offensichtlich sein mag. Jesus spricht ihn an. Er lässt ihn selbst formulieren, was er braucht und sich von Herzen wünscht. Denn niemand kann diese Frage an seiner Stelle beantworten, mag die Antwort auch noch so offensichtlich sein.

Die andere Geschichte handelt von einem Mann, der schon sehr lange krank ist. Der Evangelist Johannes erzählt sie. Seit Jahren liegt der Kranke schon am sogenannten Schafsteich in Jerusalem, dessen Wasser heilende Kräfte haben soll, aber er wird nicht gesund. Er ist darüber verbittert und einsam geworden. Niemand ist da, klagt er Jesus sein Leid, da ist niemand, der mich ins Wasser trägt. „Willst du denn gesund werden?“ fragt Jesus ihn. Und wieder: was für eine Frage! Liegt der Wunsch des Kranken nicht auf der Hand? Aber Jesus nimmt ihn ernst. Er spricht ihn an. Er bringt den Kranken wieder in Kontakt mit seiner Sehnsucht nach Heilung, nach Freundschaft und danach, gesehen zu werden mit allem, was ihn ausmacht.

Ich glaube, was die Menschenfischer in der Nachfolge Jesu von denen  im Internet unterscheiden sollte, ist eben diese Frage: Was willst Du? Was willst Du wirklich?

Nicht nur das Internet, sondern auch die Werbung und manchmal sogar die Menschen, mit denen wir zusammenleben, wollen uns immer wieder sagen, was gut für uns ist, was wir unbedingt brauchen, um glücklich zu sein. Und oft genug hängen wir tatsächlich am Haken, lassen uns manipulieren und an Land ziehen. Dann ist es gut, mal innezuhalten und sich selbst in einer ruhigen Minute zu fragen: was will ich eigentlich? Was brauche ich wirklich? Wonach sehne ich mich?

Auch in der Kirche sind wir schnell mit Antworten bei der Hand auf Fragen, die niemand gestellt hat. Und deswegen wäre es gut, wenn wir öfters mal wieder fragen würden: warum seid Ihr hier? Und: warum sind wir hier? Warum gehen wir sonntags in die Kirche?

Ich habe die Hoffnung, dass wir, wenn wir das tun, freier werden. Weil wir uns dann selbst besser kennenlernen, so wie Petrus da im Boot mit Jesus erkannt hat, wer er ist. „Ich bin ein Sünder!“ erkennt er. Und das heißt: Ich bin ein Mensch, der angewiesen ist auf die Liebe Gottes!

Ich habe die Hoffnung, dass wir dann nicht so schnell bei Facebook & Co am Haken hängen. Ich habe die Hoffnung, dass wir so immer mehr unserer tiefsten Sehnsucht auf den Grund kommen. Der Sehnsucht etwa nach Freiheit, die mehr ist als Abwechslung, nach echter Geborgenheit und nach bedingungsloser Liebe. Eine Sehnsucht, die, wenn wir ihr folgen, uns zu Gott führt. Weil nur er sie stillen kann.

Das ist Gottes Dienst. Gottes Dienst an uns Menschen. Jeden Sonntag und immer dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. „Was willst Du?“ fragt Jesus nicht nur den Blinden und den Lahmen. „Was willst Du?“ so fragt er auch uns und öffnet uns die Augen für den, der unsere Sehnsucht stillt und unsere Fragen im Letzten beantwortet. Mit dieser Frage hilft er uns auf die Füße, Position zu beziehen und all dem widerstehen, was Menschen abhängig und klein macht.

Und könnte dann der Sonntagsgottesdienst nicht der Moment sein, wo wir uns das von Jesus immer wieder neu fragen lassen: „Was willst Du? Willst Du denn gesund und glücklich werden?“ Könnte der Sonntagsgottesdienst nicht der Moment sein, wo wir auf diese Frage Jesu eine Antwort suchen?

Und so stelle ich meine Frage vom Anfang nochmal, liebe Brüder und Schwestern: Warum bist Du heute morgen hier? Was wünschst Du Dir? Wonach sehnst Du Dich in Deinem Herzen? Amen

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.