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06 August
Sonntag, den 06.08.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Eine andere Friedensordnung

mit Michael Brück

Predigt zum 8. So nach Trinitatis am 6.8.2017

Michael Brück

Liebe Gemeinde,

ach ja, „Schwerter zu Pflugscharen“, das wird Ihnen beim Hören des heutigen Predigttextes gleich aufgefallen sein. Das kennt man doch. Das hat doch etwas mit dem Pazifismus zu tun. Nie wieder Krieg – und so. Hochaktuell und doch über 2.500 Jahre alt.

 

Jesaja beschreibt eine Friedensordnung unter den Völkern. Diese Friedensordnung gründet darauf, dass alle Völker und Nationen das Wort Gottes als Maßstab ihres Handelns akzeptieren und darauf, dass sie sich an Gottes Weisungen halten. Dann wird es keinen Krieg mehr geben.

Dieser Frieden ist nicht deshalb Frieden, weil gerade mal nicht gekämpft wird. Dieser Frieden ist deshalb Frieden, weil sich alle Völker und Nationen an die Weisungen Gottes halten. „Weisungen“ heißt im Hebräischen „Tora“. Tora ist auch die Bezeichnung der 5 Bücher Mose. Also ist ganz klar, was die Weisungen Gottes sind: Das was er seinem Volk Israel in der Tora offenbart hat. Das ist die Basis der künftigen Friedensordnung, in der man keine Schwerter mehr braucht und in der man deshalb die Schwerter zu Pflugscharen umschmieden kann.

Das ist eine schöne und erstrebenswerte Vision. Solch eine Vision von einer konfliktfreien Welt ohne Krieg haben auch die Kommunisten gehabt. Sozialismus hieß das bei ihnen. 1959 schenkten die Sowjets der UNO ein martialisches Denkmal. Das steht seitdem in New York und stellt einen Schmied dar, der gerade ein Schwert zu einer Pflugschar umarbeitet. Dass die Sowjets dabei auf einen Text des Propheten Jesaja zurückgriffen, war ihnen vielleicht nicht bekannt oder es war ihnen egal. Zu griffig und aussagemächtig ist dieses Bild vom Umschmieden eines todbringenden Schwertes in eine lebensspendende Pflugschar.

Dieses Bild hat auch die Friedensbewegung in der DDR seit 1981 genutzt. Es stellte den sowjetischen Schmied dar und wurde als Stoffaufnäher auf der Jacke getragen. Die Friedensbewegung wurzelte in der DDR weithin in der Kirche und die SED verstand sehr wohl, was mit dem Aufnäher gemeint war: Frieden gibt es nur unter Beachtung von Gottes Weisungen. Und deshalb wurde der Aufnäher verboten. Wenn ihn jemand dennoch trug, wurde er zuweilen von einem Staatsorgan aus der Kleidung herausgeschnitten – mit der Folge, dass alle Sympathisanten nur noch mit einem Loch in der Jacke herumliefen und jeder wusste, was das bedeutete.

1983 fand der Evangelische Kirchentag in Wittenberg statt. Dort trat ein echter Schmied auf und schmiedete aus einem Schwert eine Pflugschar. Das war auch in der DDR nicht verboten. Aber diese Aktion transportierte höchst wirksam das Motto: Keine Gewalt! Kein Schwert – keine Gewalt.

Keine Gewalt! Das war 1989 von beiden Seiten eingehalten worden – jedenfalls insoweit, als kein Blut geflossen ist und darin lag auch der unerwartete Erfolg der Volksbewegung. Es wurde nicht auf Polizisten und Soldaten geschossen. Es flogen keine Molotowcocktails. Es rollten aber auch keine Panzer gegen Demonstranten und die Mauer wurde geöffnet, als der Andrang groß war und es fiel kein Schuss. Keine Gewalt. Das war erfolgreich für die Menschen, die die Einheit unseres Landes wollten und ertrotzt haben. Keine Gewalt. Das war aber auch erfolgreich für die SED und ihre Anhänger. Nur weil sie für sich in Anspruch nehmen können, 1989 keine Gewalt angewandt zu haben, nur deshalb können sie heute noch eine Rolle in der Politik unseres Landes spielen. Immerhin sind es ja dieselben Leute, die 1953 den Aufstand in der DDR mit Hilfe sowjetischer Panzer niedergeschlagen haben, die die Mauer gebaut haben und die für den Tod vieler Menschen an der Mauer oder für die Zwangsadoptionen von Kindern von Fluchtwilligen verantwortlich waren. Auch für sie hat es sich ausgezahlt, im entscheidenden Moment keine Gewalt angewendet zu haben.

Gewaltlos herbeigeführte Änderungen dauern länger und oft reißt den Menschen die Geduld. Aber gewaltlos herbeigeführte Veränderungen sind in der Regel erfolgreicher. Man denke etwa an Mahatma Gandhi. Man denke an die Schwarzen in den USA. Sie haben über 100 Jahre Schritt für Schritt ihre Rechte ertrotzt und das hat über die Jahrzehnte mehr gebracht als die bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen, wenn Unrecht den Geduldsfaden hat reißen lassen. Und man denke an die Juden. Sie haben über Jahrhunderte gewaltlos Progrome ertragen, sogar den, mit dem sie als Volk ausgelöscht werden sollten. Es ist nur zu verständlich, dass sich dann unter den Juden die Überzeugung durchsetzte, dass man sich nie wieder wehrlos in sein Schicksal ergeben würde. Es ist deshalb verständlich, dass die Juden mit Gewalt ihren Staat Israel gründeten und hunderttausende Araber aus ihrer Heimat Palästina vertrieben. Es ist verständlich, dass sie die erfolgreichste Armee im Nahen Osten aufbauten und sich Zugang zu Atomwaffen verschafften mit der Option, wer uns auslöschen will, wird selbst ausgelöscht.

Aber dieses Gleichgewicht des Schreckens und der Gewalt ist nicht das, was der Prophet Jesaja als Vision für die Endzeit hatte. Heute kommen nicht die Völker zum Zion, zum Tempelberg in Jerusalem, um die Weisungen Gottes zu hören und ihn über ihre Streitigkeiten richten zu lassen. Heute wollen die einen die anderen von dort ausschließen und verdrängen. Jeder denkt, dass das, was der andere als Unrecht empfindet, sein gottgegebenes Recht sei. Unrecht führt zu Hass und Hass führt zu Mord und jeder braucht sein Schwert, um sich zu verteidigen. Keiner kann es sich leisten, aus seinem Schwert eine Pflugschar schmieden zu lassen.

Und dennoch ist es möglich, Schwerter zu Pflugscharen umzuarbeiten. Wir haben es in unserem Land vor wenigen Jahrzehnten selbst erfahren, obwohl sich das vorher niemand so hat vorstellen können. Es geschieht sehr selten. Aber es geschieht und wird von Jesaja zur Beschreibung einer Endzeit herangezogen, in der sich Gottes Wille unter den Menschen durchgesetzt hat.

Und wir? Sollen wir das jetzt abwarten? – könnten wir fragen.

Sollen wir dasitzen und Däumchen drehen, bis die Endzeit kommt? Keineswegs, so will Jesaja nicht verstanden werden. Denn als Fazit, als Grund für seine Endzeitvision sagt er in Vers 5 ganz abrupt:

(5) Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herren.

Sonst wird da nichts gesagt. Jesaja sagt nicht, was er damit meint. Aber auch an anderen Stellen sagt Jesaja Dinge, die für uns aus sich heraus nicht verständlich erscheinen, die wir Christen aber als Hinweise auf Christi Kommen und auf sein Heilshandeln verstehen können. So auch hier.

Jesaja sagt: Lasst uns wandeln im Licht des Herrn. Ich bin das Licht der Welt, sagt Christus bei Johannes im 8. Kapitel. Der Gegensatz zum Licht ist die Finsternis, in der sich die Menschen ohne Gott versuchen, selbst zu behaupten. Was wir eben über die heutige Situation am Tempelberg gesagt haben, ist sicher der Finsternis zuzuordnen. Wenn wir aber als Christen aufgerufen sind, im Licht des Herren zu wandeln dann kann das für uns nur heißen: im Lichte dessen, der gesagt hat: Ich bin das Licht der Welt – Im Lichte Christi.

In seinem Licht, im Licht seiner Worte verstehen wir die Weisungen Gottes, von denen Jesaja spricht. Die Tora ist deshalb nichtmehr das Vorschriftenbuch des jüdischen Gesetzes . Gottes Weisungen betreffen nichtmehr hallal oder koscher. Christus hat das Gesetz erfüllt. Es gibt keinen Grund mehr, Männer und Frauen im Gottesdienst voneinander zu trennen – ganz gleich, ob an der Klagemauer, in der Kirche oder der Moschee. Denn Christus ist für Männer und Frauen gleichermaßen gestorben und hat ihnen gleichermaßen das ewige Leben verhießen.

Und Christus hat uns auch am Ende seiner Erdentage einen wichtigen Hinweis gegeben, was wir tun könnten, um alle Völker zu Gott zu führen, damit er sie lehre, auf seinen Wegen zu wandeln. Er hat uns den Missionsbefehl gegeben: Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.

Taufen ohne Zwang und Zeugnis ablegen von Christus und vorbildhaft leben – das können wir unter den Völkern tun, um eine Welt ohne Schwerter ein bisschen wahrscheinlicher zu machen. Das ist ein gewaltloses und gleichzeitig sehr mühevolles und langwieriges Vorhaben. Kommt und lasst es uns trotzdem versuchen. Möge uns Gott die Kraft seines Heiligen Geistes dazu geben.

Amen.

 

 

 

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.