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10 Mai
Sonntag, den 10.05.2020 09:30 Uhr Friedenskirche

Kantate! Gott wohnt in den Liedern der Menschen

Predigt zu 2 Chron 5,2-16

Einführung in den Gottesdienst
Liebe Brüder und Schwestern, als das Virus Italien fest im Griff hatte, standen die Menschen auf ihren Balkonen und an den offenen Fenstern ihrer Wohnungen und sangen zusammen aus vollem Hals. Ihre Lieder gingen um die Welt und haben vielen rund um den Globus Mut gemacht, die Hoffnung und Lebensfreude jetzt ja nicht aufzugeben. Und mein persönlich schönstes Ostererlebnis in diesem Jahr war, als meine Tochter, drei Sängerinnen und ich am Ostersonntag im Garten der Seniorenresidenz in der Ludwigstraße standen, die Bewohnerinnen und Bewohner auf den Balkonen in der Sonne saßen und wir gemeinsam ein Osterlied nach dem anderen zusammen geschmettert haben. Da waren wir in aller Distanz uns auf einmal ganz nah. Es war so schön, ihre Stimmen zu hören. Und mit ihnen im Ohr bin ich noch lange summend durch den Tag gegangen.
Ich bin so dankbar, dass wir heute, am Sonntag Kantate, wenigstens am Telefon miteinander singen können. Und ich stelle mir vor, wie unsere Stimmen sich über alle Entfernung hinweg auch jetzt zu einem Gesang vereinen. Denn Singen verbindet, schafft Nähe und kann sogar helfen, wenn wir traurig sind oder Angst haben. Denn wenn wir an Grenzen kommen, ist die Stimme ein unentbehrlicher Kraftquell.
Und von dieser Kraft erzählen auch die Psalmen, das Gebetbuch der Bibel. Denn eigentlich sind sie ja gesungene Gebete. Und so wollen auch wir heute einmal gemeinsam den 100. Psalm zum Klingen bringen. Er steht vertont im Gesangbuch unter der Nummer 288.

Lektor: Liebe Brüder und Schwestern, viele Gemeinden feiern heute, soweit das unter der Einhaltung von Hygienevorgaben überhaupt geht, wieder in ihren Kirchen Gottesdienst. Wir möchten damit aber lieber noch etwas damit warten und erst an Pfingsten wieder in unsere Friedenskirche einziehen. Wir stehen also gewissermaßen noch vor der Tür und finden uns dort wieder mitten unter den Jüngern, die mit Jesus zusammen vor den Toren Jerusalems stehen. Damals, als er auf einem Esel wie ein Friedenskönig durch das große Stadttor eingezogen war. Und der Evangelist Lukas hat aufgeschrieben, was sich in dem Moment vor dem Einzug zugetragen hat. Ich lese aus dem 19. Kapitel des Lukasevangeliums:
Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.
Soweit die Worte des Evangeliums. Es sind Worte ewigen Lebens. Halleluja!
Halleluja

Ansprache
Liebe Brüder und Schwestern, wo wohnt Gott? Das ist eine uralte Frage. Seit wir Menschen Gott verehren, möchten wir wissen, wo wir ihn suchen und uns ihm nähern können. Und so gibt es heilige Berge und heilige Höhlen als Wohnorte des Himmels. Und seit jeher bauen wir Tempel und Kirchen, in denen wir Gott zu finden hoffen. Auch König David will so einen Tempel bauen aus Gold und Stein. Denn alle anderen Könige in allen Nachbarländern ringsum haben ihren Göttern solche prächtigen Tempel errichtet. Aber der Gott Israels will nicht, sondern lieber weiter im Zelt, auf Tuchfühlung also, mitten unter seinen Menschen sein. Erst Davids Sohn Salomo darf ihm endlich so ein goldenes Haus mitten in Jerusalem errichten. Aber als er und ganz Israel mit der Bundeslade vor den mächtigen Toren stehen, um dort feierlich mit ihrem Gott einzuziehen, zeigt der ihnen, wo er wirklich wohnen will und wohnen bleibt, nämlich dort, wo Menschen zu ihm beten und singen und ihm glauben, dass er barmherzig ist und gütig.
Der heutige Predigttext aus dem zweiten Buch der Chroniken erzählt davon und bringt vielleicht auch uns als Gemeinde ein bisschen ins Nachdenken, wenn unsere Sehnsucht brennt und bei uns der Druck immer größer wird, doch endlich auch wieder in der Friedenskirche zusammen Gottesdienst feiern zu dürfen wie all jene ringsum, die heute schon ihre Türen wieder geöffnet haben. Auch wenn das bedeutet, noch nicht zusammen singen zu dürfen. Und so hören wir heute am Telefon die Worte aus dem Buch der Chroniken auch an uns gerichtet:
Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häuser der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Liebe Brüder und Schwestern, Salomo hat es geschafft. Endlich ist der Tempel fertig. Endlich ist der große Tag da, an dem sich die Tore öffnen, und er mit seinem Gott, mit allen Priestern, Leviten und dem ganzen Volk einziehen kann. Es ist ein Festtag, wie man ihn sich nur träumen kann. Die Menschen drängen sich auf dem Vorplatz. Alle wollen mit ins Haus des Herrn. Und Israel singt! Laut, mit allem, was an Stimmen und Instrumenten nur da ist. Und sie haben ja allen Grund dazu. Die Lade, in der die beiden Tafeln mit den 10 Geboten aufbewahrt werden, nimmt ihren Platz im Allerheiligsten ein. Und wir können uns heute kaum ermessen, was für ein historisches Ereignis das damals war. Die Bundeslade steht nämlich für die Wüstenwanderung, aber auch für die militärischen Erfolge Israels und vor allem als Zeichen, dass Gott immer mit ihnen ist. Sie jetzt an einem Ort zu wissen, heißt, Gott einen Platz auf Erden zuzuweisen. Heißt, endlich angekommen zu sein. Heißt, dass die Könige Israels mächtig sind. Heißt, dass das Volk einen verlässlichen Ort hat, wo Gott zu finden, wenigstens aber anzubeten ist.
Nicht wenige, allen voran die Propheten, haben diesen Tempelbau aber kritisch begleitet. Sie haben die Gefahr gesehen, dass Menschen damit versuchen, Gott zuvorzukommen und seiner habhaft zu werden. Doch wie das so ist. Manchmal wird der Mensch zu Entscheidungen getrieben, von denen er vielleicht selbst gar nicht so überzeugt ist.
Und wer weiß, vielleicht war auch damals beim großen Einzug nicht allen zum Feiern zumute und vielleicht hat mancher dem ausgelassenen Treiben mit gemischten Gefühlen zugeschaut. Und ehrlich gesagt, bin ich heute ähnlich zwiegespalten, liebe Brüder und Schwestern. Denn so froh es mich auch macht, dass es bald wieder losgeht, und so wenig ich es kaum abwarten kann, Sie hier in der Friedenskirche wiederzusehen und zu begrüßen, so weiß ich doch auch um jene, die dann nicht dabei sein können oder wollen, weil sie sich um ihre oder die Gesundheit ihrer Angehörigen zu große Sorgen machen müssen. Und wenn in diesen Tage immer wieder darum gerungen wird, jetzt endlich wieder gemeinsam Gottesdienst zu feiern, frage ich mich sehr nachdenklich, ob denn das, was wir in den letzten Wochen getan haben, etwa kein Gottesdienst war? Wäre jetzt nicht die Gelegenheit gemeinsam und mit ruhe einmal darüber nachzudenken, was unsere Gottesdienste eigentlich zu Gottesdienste werden lässt?
Die Wendung, die der heutige Predigttext nimmt, hat mir viel Mut gemacht und mich auch staunen lassen.

Denn es hat ja was, dass die Priester nicht in den Tempel hineinkommen, weil Gott mit seiner Gegenwart schon alles ausfüllt. Denn just in dem Moment, als die ganze Priesterschar in den Tempel hineingehen will, hält Gott sie an der Tür auf. Er ist nämlich schon da. In der Wolke, wie es im Buch der Chroniken heißt.
Was mag das wohl aber für eine Wolke sein? Wenn ich mir vorstelle, wie damals in Jerusalem alle zusammen gesungen haben, so wie wir heute zum Beispiel das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ zusammen singen, dann bekomme ich eine Idee, was für eine Wolke das sein könnte, in die Gott sich da hüllt. Könnte es nicht vielleicht wirklich eine Klangwolke sein, in die wir mit ihm und miteinander eintauchen und in die wir uns bergen dürfen, wenn uns selbst das Herz mal schwer ist? Wohnt Gott nicht vielleicht dort am liebsten, wo Menschen miteinander singen und ihn mit ihren Liedern loben? Denn singen ist ja doppelt gebetet, wie es der Kirchenvater Augustinus sagte.
„Gott thront auf den Lobgesängen Israels,“ heißt es auch im 22. Psalm. Nicht nur im Tempel und in der Kirche sollen wir ihn also anbeten, sondern überall dort, wo wir einander das Herz leichter machen können – mit einem Lied, einem gutem Wort oder einfach nur mit einem freundlichen Zunicken, weil das Lächeln gerade vom Mundschutz ein bisschen verdeckt wird.
Liebe Brüder und Schwestern, Gott wohnt in den Liedern der Menschen, die sich rund um den Globus gegenseitig Mut und Hoffnung zusingen, im Summen all der Mütter, die ihre Kinder abends in den Schlaf wiegen, in den leisen und lauten Stimmen, die zu ihm dringen von allen Orten und zu allen Zeiten. Und ganz sicher wohnt er auch in unserem Gesang, in den wir, wo immer wir jetzt gerade sind, ob nah oder fern, zu seiner Ehre einstimmen. Und dann feiern wir wirklich Gottesdienst miteinander. Jetzt am Telefon und hoffentlich bald wieder zusammen in unserer Friedenskirche.
Und so wünsche ich uns, dass wir dann, wenn wir wieder dankbar und froh miteinander in Gottes Haus einziehen und keinen dafür zuhause lassen müssen, nicht vergessen, wie nah wir uns auch jetzt in der Ferne sind, und wie nah Gott uns doch ist, wo wir zu ihm unterwegs sind. Denn seine Zusage gilt doch: Wenn Ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich finden lassen. Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, Kantate 10.5.2020

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