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24 Mai
Sonntag, den 24.05.2020 09:30 Uhr Friedenskirche

Weißt Du, wo der Himmel ist?

Predigt zu Apg 1

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Konfis, es gibt ja leider keine Fotos von Jesus. Alles, was wir haben, sind die Geschichten jener, die seine Freunde waren und alles mit ihm geteilt haben. Und wenn wir uns trotzdem ein Bild davon machen wollen, was damals wirklich passiert ist, dann ist unsere Phantasie gefragt. Und bei so einer phantastischen Geschichte wie jener, die Pauline eben aus dem Lukasevangelium vorgelesen hat, ist unsere Vorstellungskraft ganz schön herausgefordert. Da hören wir, dass Jesus vor den Augen seiner Freunde gen Himmel fährt. Wenn ich diese Geschichte mit Kindern lese, dann kommt immer sofort die Frage von den Minis: „Wow! Hatte der Jesus ein Raumschiff oder ein Flugzeug?“ Seit 2000 Jahren versuchen Menschen, sich diese Himmelfahrt Jesu auszumalen. Und auf manchen dieser Bilder kann man nur noch seine Füße sehen, die gerade noch so aus einer Wolke im Himmel herausschauen, während seine Jünger unten auf der Erde stehen und ihm mit offenem Mund hinterherschauen.
Liebe Konfis, als wir letzte Woche gemeinsam den Gottesdienst für heute vorbereitet und auch schon mal das Evangelium zusammen gelesen haben, da konnte ich in Euren Gesichtern so was wie milde Nachsicht mir gegenüber entdecken, nach dem Motto: Wer glaubt denn so was? Als Pfarrerin muss die das wohl glauben!
Ich überlege seitdem sehr angestrengt, wie ich meinen guten Ruf bei Euch als halbwegs vernünftig denkender Mensch doch noch retten kann. Du, liebe Pauline, hast mir mit Deinen Worten zu Beginn des Gottesdienstes das Stichwort geliefert. Und ich bin Dir sehr dankbar dafür. Du hast gesagt, „dass einem alles, was man lange entbehrt, himmlisch vorkommt.“ Und ich vermute mal, dass das eine Erfahrung ist, die die meisten hier am Telefon mit Dir teilen. Ich auch. Es ist es nämlich leider wirklich oft so, dass wir erst merken, wie wertvoll uns etwas ist, wenn wir es nicht mehr haben. Das ist mit Menschen wie mit Dingen so. Und leider verstehen wir nicht selten erst im Nachhinein, was für ein Glück wir hatten. Vielleicht weil wir in dem Moment selbst viel zu sehr mit uns beschäftigt waren, vielleicht weil wir einfach so im Alltagstrott drin steckten, dass wir all das Tolle, das uns doch jeden Tag auch widerfährt, gar nicht so richtig sehen konnten, vielleicht, weil wir so vieles für selbstverständlich nahmen, was gar nicht selbstverständlich ist, sondern ein Geschenk des Himmels oder fast genauso gut: ein Geschenk der Menschen, die wir lieb haben und die uns gut sind. Und auch Ihr, liebe Zoe, lieber Felix und lieber Johannes, habt ja von diesen kostbaren, himmlischen Momenten erzählt, wo Ihr mit Eurer Familie und Euren besten Freunden einfach unbeschwert zusammen seid.
Und mir kam so der Gedanke, dass vielleicht auch der Evangelist Lukas uns erstmal nichts anderes erzählen wollte, als genau diese Erfahrung, von der Du, Pauline, gesprochen hast, nämlich dass seine Freunde Jesus schrecklich vermisst haben, weil er nun nicht mehr bei ihnen auf der Erde ist, sondern dort, wo sie nicht so einfach bei ihm sein können, nämlich in den Wolken droben. Und dass auch sie leider erst in der Rückschau verstanden, was für ein Glück sie mit ihm hatten, ja, dass sie mit ihm und durch ihn wirklich den Himmel auf Erden erlebt haben.
Und sie brauchen ganz schön lange, bis sie das verstehen und entdecken, dass das, was sie mit ihrem Freund und Meister erlebt haben, nicht Vergangenheit ist, sondern sich überall dort ereignet, wo Menschen in seinem Namen zusammen sind, den Frieden suchen, Gerechtigkeit üben und keine Mühe scheuen, es den anderen schön zu machen und ihnen wenigstens ein bisschen den Himmel auf die Erde zu holen.
Denn als die Jünger da so stehen und wie betäubt auf den Punkt gucken, wo sie Jesus das letzte Mal gesehen haben, stehen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern, also auf gut Deutsch Engeln bei ihnen und fragen sie, worauf sie eigentlich so starren. Dort jedenfalls würden sie ihn nicht finden. Jesus kommt wieder, sagen sie. Und mit ihm wird wirklich alles gut. Schaut also nach vorne, lautet ihr Rat.
Wir haben mit Jesus eine Zukunft, die gut ist. Wir können wirklich sagen: „Alles wird gut!“ Denn das ist unser Glaube. Jesus ist uns in diese Zukunft vorausgegangen und hat fest versprochen, dass wir dort mit ihm sind. Er ist also dort, wo Gott ist. Er ist dort, wo das Glück zuhause ist, um es mal salopp zu sagen. Er ist schon dort, wo alles gut ist. Und wir haben jetzt schon alle einen Platz bei ihm.
Und der Clou ist, dass wir mit Jesus von diesem Platz aus, von dieser Zukunft aus also, schon jetzt immer wieder auf unser Leben schauen können und uns dann hoffentlich auch immer wieder neu die Augen aufgehen für die großen und kleinen Momente, wo der Himmel die Erde jetzt berührt. Denn sie sind überall. Selbst da, wo wir es nicht für möglich halten. Selbst in Zeiten von Mundschutz und social distancing gibt es sie. Ganz sicher. Und ich wünsche uns, dass wir sie nicht gedankenlos verstreichen lassen und erst dann auf sie aufmerksam werden, wenn sie schon vorbei sind. Und wenn uns diese ganze unselige Corona-Zeit eins lehren kann, dann vielleicht wirklich dies: Im Hier und Jetzt aus der Zukunft Jesu zu leben, dankbar zu sein für jeden Augenblick und die Hoffnung hochzuhalten, dass wirklich alles gut wird. Denn er hat uns nicht den Geist der Angst gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnheit.
Zugegeben: Es gibt Tage, da ist es gar nicht so leicht, diese Himmelsspuren im eigenen Leben zu entdecken. Und dann mag es uns wie den Jünger gehen, die Jesus ungeduldig fragen: „Wann geht es denn endlich los? Wann ist sie endlich da, die gute Zeit, die du uns versprochen hast? Aber vielleicht hören wir ihn dann, wie er auch zu uns sagt: „Lasst Euch überraschen! Bis dahin sende Euch den Tröster, den heiligen Geist. Er wird Euch die Augen öffnen. Er wird euch in aller Wahrheit leiten. Und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.“
Weißt Du, wo der Himmel ist, außen oder innen?, fragt der Dichter Wilhelm Willms. Und ich möchte Euch und Ihnen, liebe Brüder und Schwestern, seine Himmelsworte mit in diese Woche vor Pfingsten geben.
weißt du wo
der himmel ist
außen oder innen
eine handbreit
rechts und links
du bist mitten drinnen
weißt du wo
der himmel ist
nicht so tief verborgen
einen sprung
aus dir heraus
aus dem haus der sorgen
weißt du wo
der himmel ist
nicht so hoch da oben
sag doch ja
zu dir und mir
du bist aufgehoben

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Konfis, ja, wir sind mitten drinnen! Und ich glaube, dass es Jesus genau darum ging und er alles drangesetzt hat, auch sein eigenes Leben, um uns dafür die Augen zu öffnen. Und all die Bilder und wunderbaren Geschichten, die seine Freunde von ihm erzählen, drehen sich um diese Botschaft: „Wir sind mitten drinnen!“ Wir sind in Christus. Und er ist in uns. Er ist der Himmel auf Erden. Er ist die Zukunft. Und die beginnt jetzt.
Und das möchte ich ihm gerne glauben. Nicht nur als Pfarrerin. Und Ihr? Glaubt Ihr‘s ihm auch?
Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.