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08 Oktober
Sonntag, den 08.10.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

BEKENNEN

im Anschluss Kirchenkaffee

BEKENNEN

Meine lieben Brüder und Schwestern,

als wir neulich mit Freunden und Familie bei einem sonntäglichen Mittagessen saßen und gerade gemütlich und leicht schläfrig beim Kaffee angekommen waren, fragte einer aus der Runde unvermittelt: „Was habe ich eigentlich zu sagen, wenn ich als Christ den Mund aufmache? Über Gott zu reden ist für mich dieselbe Herausforderung, wie wenn ich in Italien, wo ich gerade mal mit Müh und Not die Speisekarte lesen kann, eine Diskussion führen müsste. Mir fehlen schlicht die Worte. Ich habe die diffuse Angst, in so einem Gespräch irgendwelche Böcke zu schießen. Deswegen halte ich lieber den Mund, wenn es um Glaubensdinge geht!“ Das betroffene Schweigen, das sich auf dieses Bekenntnis hin über uns alle legte, sprach Bände. Und es stellte sich heraus, dass er mit diesem Problem nicht alleine ist. Den anderen ging es ebenso.

Immer wieder vertrauen mir Menschen an, wie schwer es ihnen falle, von ihrem Glauben zu reden oder ihn dann in der Auseinandersetzung mit Anders- oder Nichtgläubigen verteidigen zu müssen.

Als vor einigen Wochen Oberstufenschülerinnen und -schüler der Leibnizschule hier in der Friedenskirche zu Besuch waren, hat es mich wieder einmal sehr nachdenklich gemacht, wie lebendig die muslimischen Schülerinnen mitdiskutierten und wie zurückhaltend die christlichen waren. Die einen wussten sehr genau, woran sie glauben, während sich die anderen in die Bänke duckten. Es schien ihnen irgendwie peinlich zu sein. Ich hätte es schon sehr spannend gefunden, herauszubekommen, was diese jungen Christen hier in Offenbach über Gott und die Welt denken und woran sie glauben. Aber ich hatte keine Chance, sie aus der Deckung zu holen.

Was hat es eigentlich auf sich mit dieser Sprachlosigkeit, die ja nicht nur die Jungen betrifft und erst recht nicht nur jene, die in ihrer Konfirmandenzeit nicht mehr den Katechismus auswendig lernen mussten, sondern es geht offenbar auch vielen Älteren so. Ein Gemeindemitglied meinte zwar einmal selbstbewusst, dass jeder, der bei Pfarrer Lehmann im Konfirmandenunterricht war, spielend auch jede Dogmatikprüfung an der Uni mit Bestnote bestanden hätte. Und dennoch erzählen mir selbst jene, die hier in der Friedenskirche durch seine strenge Schule gegangen sind, wie schwer es auch für sie sei, sich mit anderen über ihren Glauben auszutauschen.

 

Es ist wohl so, dass diese allgemeine Unsicherheit hier in Deutschland daher rührt, dass der Glaube es in unserer Gesellschaft das Intimste zu sein scheint, worüber man reden kann und was man deswegen lieber für sich behält? Es scheint tatsächlich einfacher zu sein, sich über Krankheiten auszutauschen als über die Gretchenfrage „wie hältst du es mit Gott?“

Offen dazu bekennen, dass sie beten und sonntags in die Kirche gehen, bringt viele in Verlegenheit. Ich habe bisweilen den Eindruck, dass der Glaube an Gott manchem unserer Zeitgenossen als Eingeständnis von Schwäche gilt. Sie haben den Verdacht, dass, wer einen Gott braucht, Mühe haben könnte, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen?

 

Was jene aber als Schwäche empfinden, sehen Gläubige als Gewinn. Wenn wir zu Beginn unseres Gottesdienst unsere Schuld in aller Öffentlichkeit bekennen und um Gottes Erbarmen bitten, gestehen wir doch zumindest im geschützten Rahmen der kirchlichen Feier ein, dass wir schwach sind und unser Leben vertrauensvoll in eine andere Hand legen. Aber ist das nicht in unseren Augen just die Stärke unseres Glaubens?

Davon zu reden, auch wenn es schwer fällt, wäre vielleicht schon mal was, womit wir beginnen könnten, wenn wir als Christen auch draußen den Mund aufmachen.

Im 28. Kapitel des Matthäusevangeliums erfahren wir, worüber wir reden sollen. Deswegen habe ich es als Predigttext für heute gewählt:

Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. 18 Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Liebe Brüder und Schwestern, Wir alle sind auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft. Anders gesagt sind wir in den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes hinein getauft. Denn in diesem Namen tut sich für uns eine Wirklichkeit auf, in der wir ganz so sein können, wie wir sind. Und wenn wir jeden Gottesdienst im seinem Gottes beginnen und mit dem Kreuzzeichen beschließen, dann: Weil wir uns daran erinnern, dass wir in seinem Namen zuhause sind.

„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ ist das kürzeste und wichtigste Bekenntnis unseres Glaubens. Eigentlich ist damit alles gesagt, was es zu sagen gibt. Alle anderen Bekenntnisse, die danach kommen, vertiefen es nur.

Unser apostolisches Glaubensbekenntnis, das wir Sonntag für Sonntag im Gottesdienst miteinander beten, heißt so, weil es sehr nah an dem bleibt, was die Apostel verkündigt haben. Es gibt sogar die Legende, dass die Zwölf die gleiche Zahl an Glaubenssätze zusammengestellt hätten, bevor sie von Jesus zur Mission in alle Himmelrichtungen geschickt worden sind. Tatsächlich ist das Apostolikum wohl in Rom entstanden und war schon sehr bald das Taufbekenntnis der Kirchen des Abendlandes. Warum? Weil es prägnant zum Ausdruck bringt, was es heißt, an den Dreieinen Gott zu glauben.

Viele tun sich heute schwer mit diesen alten Worten und suchen nach modernen Alternativen. „Schwer verständlich und nicht mehr zeitgemäß,“ lautet der Vorwurf. Wie sollen wir etwas mitsprechen können, das wir gar nicht verstehen? fragen sie.

Aber wenn ich mir dann die modernen Glaubensbekenntnisse anschaue, habe ich doch so meine Zweifel, ob sie denn tatsächlich von allen mitgesprochen werden können.

Sicherlich ist das apostolische Glaubensbekenntnis eine schwere Kost. Aber es ist nicht das Schlechteste, wenn das im Gottesdienst gesprochene Credo im besten Sinne frag-würdig wird.

Fragloser Glaube wird nämlich leicht zu einer bloßen Weltanschauung, die das eigene Leben nicht mehr wirklich zu erreichen vermag.

Es stimmt schon, wenn ich das Glaubensbekenntnis mitspreche, will ich das mündig tun, also verstehen, was ich da mitbete. Und doch will ich nicht meine kurzlebigen Überzeugungen zum alleinigen Maßstab dessen machen, was ich bekennen kann. Denn das trägt nicht in schweren Zeiten.

Wir stellen uns im Mit-Sprechen diese uralten Worte in die lange Reihe derer, die sie schon vor uns gesprochen haben und nach uns sprechen werden. Und wir stellen uns damit auch in eine jahrhundertelange Geschichte von Glück und Leid, von Vertrauen und Enttäuschung, von Gewissheit und Zweifel, von Nächstenliebe und Lieblosigkeit, von Segen und Fluch.

In diesem uralten Haus des Glaubens gibt es viele Zimmer, in denen wir uns ruhig auch mal verlaufen können. In anderen fühlen wir uns dann umso leichter aufgehoben. Es gibt da Räume, in denen wohnte lange Zeit niemand und dennoch sind sie da, gehören dazu und warten darauf, dass vielleicht die nächste Generation ihre Vorhänge öffnet, das Mobiliar abstaubt, neues hineinstellt und weiter in ihnen wohnt. In diesem Haus können wir immer Zuflucht suchen, wenn uns die Luft ausgeht und die Worte fehlen.

Was es bedeutet, in so einem Haus zu sein, davon können zum Beispiel jene erzählen, die in der Nazi-Tyrannei zur Bekennenden Kirche gehörten. Dort haben nämlich die Gläubigen, was bis dahin noch nicht üblich war, erstmals Sonntag für Sonntag das Credo wieder gemeinsam gesprochen. Bis dahin hatte es der Pfarrer vorgesagt und die Gemeinde nur ihr Amen dazu gegeben.

In einer Zeit also, in der Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, nahmen sie Zuflucht zu diesen alten Bekenntnissen. Nicht um diese Sätze, den Gegnern um die Ohren zu schlagen, sondern um den eigenen Glauben daran zu stärken. Denn das gemeinsam gesprochene Credo hat sie nicht nur zusammengeschweißt, sondern sie mit jenen verbunden, die vor ihnen geglaubt und gestritten haben, sowie mit allen, die nach ihnen kommen. Sich darauf zu besinnen, hat ihre Angst kleiner und ihren Mut größer werden lassen, in dunkler Zeit Stellung zu beziehen.  Die Menschen damals taten es gemeinsam, um ihre Angst zu vertreiben und den Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Und wir tun es heute gemeinsam, weil auch wir diesen Weg fest im Blick behalten wolle.

Wäre das Reformationsjubiläum nicht eigentlich die perfekte Gelegenheit dafür gewesen, statt eine Hochglanzbroschüre nach der anderen und kitschige Reformationsartikel noch und nöcher auf den Markt zu werfen? Vor 500 Jahren haben die Menschen um ihr Bekenntnis gerungen, miteinander und oft auch gegeneinander. Und wir heute brauchen diese Auseinandersetzung genauso, um im Haus des Glaubens im tiefsten Herzen zuhause zu sein?

Haben wir nicht das beste Rüstzeug, um als Christen mutig über unseren Glauben zu sprechen? Was aber haben wir dann zu sagen?

Schauen wir uns deswegen noch einmal den Predigttext an:

Die Frauen bekommen am leeren Grab von den Engeln aufgetragen, dass sie zu den Jüngern gehen und ihnen sagen sollen, der Auferstandene erwarte sie in Galiläa. Und dort sind sie nun, sehen ihn noch einmal wieder und werden alle, – auch jene, von denen es ausdrücklich heißt, dass sie zweifeln, denen der Glaube also nicht so leicht fällt, – alle werden von ihm in die Welt gesandt, um über ihren Glauben zu sprechen. Sind wir von ihm nicht ebenso gesandt?

Denn sein Auftrag lautet doch, in die Welt hinauszugehen und dort all das zu lehren, was er uns geboten hat. Es ist also eigentlich ein Missionsauftrag. Nur klingt Mission heute nicht mehr so gut. Wir zieren uns in der evangelischen Kirche damit etwas. Missionieren, das tun doch die Fundamentalisten und Fanatiker, die mit den starken Meinungen, aber doch nicht wir! Schade eigentlich.

 

Mission heißt nämlich, so hat es einmal Fulbert Steffensky treffend formuliert, von dem zu sprechen, was man liebt. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, hat schon Luther gesagt. Liebe Brüder und Schwestern, es ist doch die Liebe, für die Jesus uns begeistern wollte. Denn womit hat er uns denn sonst beauftragt? Er hat gesagt, dass das wichtigste Gebot sei, Gott und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Und diese Liebe immer wieder im Alltag durchzubuchstabieren ist tatsächlich das Wichtigste, worüber wir Christen in unserer Gesellschaft reden sollten, wenn es um Gott und seine Welt geht.

Wir sollten also erzählen, was das alles mit uns macht, aus Seiner Liebe leben zu dürfen. Das macht uns verletzbar. Keine Frage. Denn wir geben damit Intimes preis. Aber es ist doch der Auftrag, den Jesus uns gegeben hat. Sprecht über meine Liebe zu Euch. Liebt einander! Das hat er uns doch als ein Vermächtnis hinterlassen.

 

Ich möchte Ihnen etwas mitgeben als Ermutigung für Gespräche über diesen Auftrag. Ich habe lange suchen müssen, bis ich es gefunden habe. Denn es scheint aus der Mode gekommen zu sein. Es ist ein kleiner Anstecker mit einem Kugelkreuz. Manche unter Ihnen haben so eine Nadel als Jugendliche hier in der Friedenskirche ans Revers gesteckt bekommen. Es stammt aus der Zeit der bekennenden Kirche und ist ein Symbol, das der langjährige Kirchenvorsteher unserer Gemeinde Rudolf Koch wiederentdeckt hat. Das Kreuz auf dem Globus steht für das Bekenntnis, dass Christus der Herr über alles ist.

Ein kleiner Junge sah darin einmal ein Pluszeichen über dem Erdball. Diese kindliche Deutung gefällt mir sehr. Was ist denn das Kreuz sonst für einen kleinen Menschen? Noch begreift der ja nicht, was es damit auf sich hat. Also fällt ihm jenes Plus ein, das er gerade in der Mathestunde gelernt hat. Wie naheliegend ist das doch! Und wer von uns großen Menschen an dieses Kreuz glaubt, kann er dann anders, als alles um sich herum mit den Augen der Liebe zu sehen? Für den Dichter Stefan Zweig ist die Liebe ewige Gegenwart. Was für eine wunderschöne, tiefe Übersetzung der biblischen Botschaft in die Sprache der Poesie. Ich wünsche mir für uns alle, dass wir diese Liebe nie aus dem Blick verlieren, sondern uns immer wieder von ihr erreichen lassen. Können wir dann überhaupt noch anders, als uns zu ihr zu bekennen? Und die fünf Buchstaben L-I-E-B-E, liebe Brüder und Schwestern, die sind im Schwachen mächtig!

Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.