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05 November
Sonntag, den 05.11.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Wort-Schwert

Predigt zu Mt 10,34-39

Meine lieben Brüder und Schwestern, wenn sich unsere Großfamilie an Weihnachten, Ostern oder zu besonderen Geburtstagen trifft, dann gibt es immer so zwei, drei Themen, die man um des lieben Friedens willen tunlichst vermeiden sollte. Denn sonst kann es passieren, dass der Haussegen schief hängt, weil einer die Feier vorzeitig verlässt.

Ich tröste mich dann immer damit, dass es auch anderen so geht. In den Familien unserer Freunde ist das nämlich genauso. Denn es gibt ja überall so heikle Themen, die die Gemüter erhitzen. Das können politische Fragen sein wie die nach der berühmt-berüchtigten Obergrenze für die Aufnahme von Geflüchteten, aber auch die der Gleichberechtigung der Geschlechter oder manchmal sogar ganz alte Geschichten, die wieder aufgekocht nicht besser werden.

So richtig und wichtig es ist, bei diesen wenigen Gelegenheiten im Jahr, wo mal alle um einen Tisch herum sitzen, bloß keinen Streit aufkommen zu lassen, ist der damit verbundene Eiertanz aber in jedem Fall im Grunde so überflüssig wie ein Kropf. Und bei mir bleibt dann am Abend eines solchen Tages schon irgendwie die schale Frage zurück: „Hättest Du nicht mal den Mund aufmachen können und die Auseinandersetzung riskieren müssen? Oder ihn besser dort halten soll, wo der eigene Gaul mit Dir durchging?“

Und auch in der Kirche meiden wir ja oft die Konflikte, um bloß niemandem auf die Füße zu treten. Es gibt ja eh schon so viele Differenzen im Alltag, da soll es doch wenigstens sonntags bitte alles schön harmonisch sein. Und so scheuen wir eben auch in der Kirche manche Auseinandersetzung, selbst wo sie notwendig wäre.

„Denkt ja nicht, dass Ihr Euch dabei auf mich berufen könnt,“ sagt Jesus im Matthäusevangelium, das der Predigttext für den heutigen Sonntag ist:

Meint nur nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen, Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird´s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden.

Meine lieben Brüder und Schwestern, das sind wirklich verstörende Worte. Und ich kann gut verstehen, dass es Kollegen gibt, die sich weigern darüber zu predigen. Denn sie passen doch eigentlich gar nicht zu dem, was wir von Jesus wissen und woran wir glauben.

Vielmehr erinnern sie eher an die furchtbaren Bilder, mit denen der Islamische Staat die Welt in Angst und Schrecken hält. Es sind fremde Bilder für uns, die mit uns und unserer Religion doch nichts zu tun haben. Und dann das? Jesus als zorniger Glaubenskrieger, der mit dem Schwert dreinschlägt, Zwietracht bringt und Familien zerstört? Wie geht das zusammen?

Dabei haben wir doch eben noch gesungen „und Friede den Menschen auf Erden.“ In wenigen Wochen feiern wir Weihnachten wie jedes Jahr – das Fest des Friedens und der Liebe. Jesus kommt zu uns in die Welt und lobt seither die Friedfertigen, schickt seine Jünger in die Städte und Dörfer, predigt Gewaltverzicht und rät, dass es besser sei, die andere Wange hinzuhalten als zurückzuschlagen. Jesus ist doch der Inbegriff von Frieden und Liebe! Und von diesem Jesus hören wir nun, dass des Menschen Feinde seine eigenen Hausgenossen seien? Haben wir ihn etwa so gründlich missverstanden? Und wenn wir weiterlesen wird es ja noch viel schlimmer, weil es nicht nur um Feind und Schwert geht, sondern um unsere eigene Familie, in die wir alle in irgendeiner Form eingebunden sind.

„Ich bin gekommen, den Sohn mit seinem Vater zu entzweien, und die Tochter mit ihrer Mutter.“ Für mich sind das immer wieder Worte, mit denen ich kämpfe.

Soll das etwa heißen, dass wir zum Schwert greifen und den Streit suchen sollen? Soll ich am Familientisch unverblümt sagen, was dran ist, auch auf die Gefahr hin, dass mein Bruder, mein Vater, meine Tochter oder ein anderer geliebter Mensch wütend das Fest verlässt? Denn auch Worte können Schwerter sein, die Beziehungen kaputt machen.

Man könnte das meinen, wenn man die Worte des Predigttextes aus dem Zusammenhang reißt und dann auch noch die Worte der heutige Lesung mit im Ohr hat, wo ja auch von Waffen und Rüstung die Rede ist. Und leider tun das bis heute auch die Christen noch immer überall auf der Welt und rechtfertigen damit ihre Rücksichtslosigkeit gegenüber den anderen, den Unverständigen und den Ungläubigen.

Worum es hier wirklich geht, liebe Brüder und Schwestern, verstehen wir aber überhaupt nur, wenn wir die Worte im Zusammenhang hören. Denn sie bilden den Schluss einer längeren Rede, mit der Jesus seine Jünger losschickt, um in den Dörfern und Städten das Evangelium zu verkünden. Kranke sollen sie heilen, Tote auferwecken, Aussätzige reinmachen und Dämonen austreiben. Den Frieden sollen sie in die Häuser tragen. Und wenn die Menschen nicht auf sie hören wollen, dann sollen sie weitergehen. „Und wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, dann flieht in die andere,“ sagt er und spricht gerade nicht vom Schwert und vom Streit. Im Gegenteil.  Wie Schafe mitten unter Wölfe will Jesus seine Jünger senden.

Und schließlich führt er ihnen die Folgen dieser Botschaft vor Augen. Was es also bedeutet, wenn sie mit ihm gehen. Jesus verspricht ihnen seine unbedingte Freundschaft und den Heiligen Geist, der ihnen beistehen wird. Aber sie müssen auch damit rechnen, dass nicht alles glatt läuft, dass sie auf Ablehnung und Verrat stoßen, ja, dass sie unter Umständen sogar die Nähe zu jenen Menschen verlieren werden, von denen sie es am allerwenigsten erwarten.

Immer wieder warnt Jesus seine Jünger und damit auch uns, dass sie mit ihrer Überzeugung und dem, was sie in seinem Namen zu sagen haben, auf taube Ohren stoßen und anecken werden. Es kann also sein, dass nicht nur die Fremden, bei denen sie anklopfen, ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen, sondern leider auch ihre Vertrauten daheim.

„Es wird aber der Bruder den Bruder den Tod ausliefern und der Vater das Kind und Kinder werden gegen ihre Eltern aufstehen und sie zu Tode bringen,“ gibt Jesus uns gleich am Anfang seiner Rede mit auf den Weg. Und wie viele Christen haben in den letzten 2000 Jahren genau darunter gelitten. Auch 2017, auch heute hört das nicht auf. Auch heute werden Menschen wegen ihres Glaubens verraten und ungebracht.

Das Schwert Jesu sei, so schreibt der Theologe Karl Barth, nicht eins, „das die Jünger zu führen haben, wohl aber eins, das gegen sie gezückt und geführt wird.“

Damit müssen wir rechnen, wenn wir ihm, Jesus Christus, nahe bleiben wollen. Denn sein Evangelium der bedingungslosen Liebe und Achtung des Nächsten ist in keiner Gesellschaft gut gelitten! Weil das unsere menschliche Logik von Macht, Vorankommen und Ansehen gründlich auf den Kopf stellt.

Wenn wir Jesus nahbleiben wollen, dann kann es passieren, dass wir dabei das Schwert inkaufnehmen, also auch den Streit, und schlimmstenfalls auch den Verlust. Wenn wir also in seinem Namen den Mund aufmachen, uns z.B. auf die Seite der Geflüchteten stellen oder auf Gerechtigkeit und Versöhnung drängen, müssen wir damit rechnen, dass uns die Andersdenkenden nicht gerade pfleglich behandeln.  Warum ist das so? Schauen wir nochmal auf das, was am Familientisch passieren kann, wenn sich die Gemüter erhitzen. Irgendwann nimmt einer der Anwesenden irgendetwas persönlich. Warum? Weil es ihn oder sie ganz persönlich betrifft. Solange es nur um eine Sachfrage geht, lässt sich herrlich darüber diskutieren. Aber wehe, wenn die ganze Sache entgleist und persönlich wird! Dann geht es ans Eingemachte und der ganze Familienfriede ist dahin.

Und ist der Glaube nicht genau so ein persönliches Thema? Wenn wir über unseren Glauben reden, zeigen wir uns doch als die, die wir sind. Und das macht angreifbar aber auch verletzlich. Und wenn wir danach leben, dann bringt uns das zwangsläufig in Widerspruch mit dem was unsere Welt regiert. Und das ist nicht angenehm. Aber das ist genau der Anspruch, den Jesus an uns hat, wenn er sagt, dass wir unser Kreuz auf uns nehmen sollen. Es reicht eben nicht, in wohl dosierter Distanz über das Evangelium zu plaudern und sich gelehrt darüber auszulassen. Wir müssen uns vielmehr selbst einbringen und eintragen – in dieses Evangelium.

Es ist ein sehr hoher Anspruch, den Jesus an uns hat, wenn er sagt, dass wir unser Kreuz auf uns nehmen sollen. Nichts wünscht er sich mehr, als dass wir uns, so wie wir sind, in seine Liebe einbinden lassen. ER lässt keine faulen Kompromisse gelten und keine falsche Harmonie. Sein Botschaft entsteht ja gerade dadurch, dass wir uns zeigen und so gemeinsam um seine Wahrheit ringen.

Das heißt dann aber auch, dass wir den Mund aufmachen und die Auseinandersetzung zulassen, selbst auf die Gefahr hin, dass der Haussegen schief hängt und sich einer am Tisch auf die Füße getreten fühlt. Es geht dabei nicht darum den Streit zu suchen. Das wird ja ziemlich deutlich in Jesu Anweisungen, den Staub von den Schuhen zu schütteln und weiterzugehen. Aber wir sollen ihm ins Auge sehen, wenn er nicht zu verhindern ist. Denn es geht Jesus um Frieden und Gerechtigkeit als Zeichen seiner Liebe. Auch um den Preis des Streites.

Aber er gibt uns dazu einen Kompass in die Hand, mit dessen Hilfe wir fast eins zu eins ablesen können, wann wir den Mund aufmachen müssen und wann wir besser einfach weiter- und darüber hinweggehen. „Sorgt Euch nicht, was Ihr reden sollt“, gibt Jesus den Jüngern und uns mit auf den Weg. „Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Heilige Geist ist es.“

Und der Apostel Paulus scheint diesem Rat gefolgt zu sein und die Erfahrung selbst gemacht zu haben. Das haben wir ja vorhin in der Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus gehört. Wie war das nochmal? „Vor allen Dingen,“ schreibt er, „ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“ Der Heilige Geist ist also unser Kompass, mit dem wir entscheiden können, ob wir reden oder schweigen. Wenn er am Werk ist, dann dient alles, was wir tun und sagen, dem Frieden.

Woran aber merken wir, dass er es ist, der spricht und nicht unsere eigene verletzte Eitelkeit? Eine alte geistliche Weisheit sagt: „Der Geist Gottes ist dort, wo Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen.“ Zurück am Familientisch: Wenn ich meine, jetzt doch mal etwas anzusprechen, was für Ärger sorgen könnte, dann kann es ratsam sein, vorher mal kurz um die Ecke zu gehen und eine kleine „Gebetspause“ einzulegen und mich im Stillen fragen, ob das, was ich sagen möchte, Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen lassen oder nicht.

Liebe Brüder und Schwestern, wenn wir also den Mund aufmachen, wo wir nicht schweigen dürfen, wo wir achtsam sind und zuhören, dann ist dieser Jesus von Nazareth mit uns am Tisch und sagt uns, dass es der Ton der Liebe ist, der die Musik macht und der da die Nähe wiederherstellt, wo sie abhandenkommt.

So sehr Jesus uns hier mit seinen Worten – auch denen vom Schwert – vor Augen führt, dass sein Evangelium ein Anspruch an uns und unser Leben ist, so sehr macht er uns Mut und verspricht uns, alles zu geben, was wir dafür brauchen.

Der Bruch mit der Familie ist eine äußerste Konsequenz, aber keine Bedingung. Und der Tod ist der Ernstfall des Martyriums, aber nicht der Regelfall der Nachfolge. Zur Weggemeinschaft Jesu zu gehören, ist vielmehr der Glücksfall schlechthin, sagt Bonhoeffer. Wer seinen Ruf hört und das Kreuz auf sich nimmt, erfährt tiefstes Glück.

Mit dieser heiteren Gelassenheit im Herzen können wir schweigen und zuhören, reden und streiten. Immer dort, wo all das dran ist. Und manchmal ist es dann auch gut, den Staub von den Schuhen zu schütteln und weiterzugehen. Denn er ist ja bei uns. Jetzt, nachher, übermorgen. Auch am Familientisch. Und auch da, wo wir diesen verlassen, weil auch das dazu gehört. Damit wir uns wieder vertragen. Denn das macht ja die Liebe aus. Seine Liebe. Und die, liebe Brüder und Schwester, die ist ewige Gegenwart. Amen

 

Pfarrerin Henriette Crüwell, 5.11.2017

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.