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14 Januar
Sonntag, den 14.01.2018 09:30 Uhr Friedenskirche

Vom Sinn des Lebens

Predigt zu 1 Kor 2,1-10

Meine lieben Brüder und Schwestern,

es gibt ein wunderbares Kinderspiel, das lange Autofahrten herrlich verkürzt. Es heißt „Siri verrückte Fragen stellen“. Siri heißt die künstliche Intelligenz von Smartphones einer sehr bekannten Computermarke. Sie kann sprechen und erwacht zum Leben, wenn man auf dem Handy eine bestimmte Taste drückt. Und das Tolle ist, sie findet wirklich für jede Frage eine Antwort. Denn sie verfügt über das im so genannten www, also im Worldwideweb gesammelte Wissen. Manchmal aber ist das, was Siri antwortet, einfach nur komisch, und der Wettbewerb besteht darin, ihr möglichst verrückte Fragen zu stellen. Zum Beispiel: „Woher kommen die Babys?“ Ihre Antwort: „Ich habe 8 Babyläden gefunden … 7 verhältnismäßig nah.“ Oder: „Warum bin ich auf der Welt?“ Siri: „Das weiß ich nicht. Ehrlich gesagt, habe ich mich das auch schon gefragt.“

Besonders beliebt aber ist die Frage: „Siri, was ist der Sinn des Lebens?“ Denn die kann man stundenlang immer wieder stellen und kriegt jedes Mal eine andere Antwort. Zum Beispiel: „ich finde es merkwürdig, dass du das ausgerechnet ein unbelebtes Objekt fragst!“ oder „42!“ oder „alles spricht dafür, dass es Schokolade ist!“ Irgendwann aber kommt dann die Antwort: „Da bin ich überfordert“. Und ein 10 Jähriger, mit dem ich das einmal ausgiebig gespielt habe, meinte dazu: „Das ist aber sehr weise von Siri!“

Wie Recht er doch hat! Denn diese Frage ist ja wirklich nicht einfach zu beantworten. Nicht nur für Siri, sondern auch und gerade für uns Menschen.

Und weil sie so unbequem ist und an unsere Grenzen führt, denn auch die Antworten von Siri sind ja von Menschen vorprogrammiert, weichen ihr viele auch aus und wollen es gar nicht so genau wissen. Irgendwann aber stellt sie sich mit Macht, ob wir wollen oder nicht. Und meistens dann, wenn wir es gar nicht gebrauchen können. Oft drängt sie sich uns nämlich gerade in den dunkelsten Stunden auf: Was ist der Sinn, das Woher und Wohin meines Lebens?

Auch den Apostel Paulus, von dem überliefert ist, dass er erst im Laufe seines Lebens zu einem anderen wurde, also den eigentlichen Sinn des Lebens fand, trieb diese Frage um. Denn erst als ihm mitten auf seinem Weg von einem Ziel zum nächsten buchstäblich ein Licht aufging, wusste er, wie sein Leben gelingen kann. Warum? Weil er jenem begegnet war, der ihm die Augen öffnete für das, was im Leben wirklich zählt. Und durch ihn erst wurde er vom Saulus zum Paulus! Nicht durch Menschenwissen, sondern durch Gottes Kraft, wie er später sagen wird.

Wir haben seine Worte eben schon in der Sprechmotette erklingen lassen und Sie haben sie ja auch schriftlich vor sich liegen. Ich möchte sie Ihnen aber trotzdem nun noch einmal zu Gehör bringen. Denn was Paulus hier zu sagen hat, ist so beeindruckend, dass wir es nicht oft genug hören können, bis wir es endlich verstehen:

„Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«  Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.“

Meine lieben Brüder und Schwestern, das, was Paulus uns sagen will, ist wirklich nicht einfach, auch nicht nach wiederholtem Hören. Denn er schreibt zwar, dass er das, was er zu sagen hat, nicht mit weisen Worten und rhetorisch brillant verständlich machen will und kann. Aber dann tut er es trotzdem, statt uns einfach mal zu erzählen, wie das denn war, als er Jesus gefunden hat und auf einmal wusste, dass er der Sinn seines Lebens ist.

„Ich will nichts mehr anderes wissen als Jesus Christus, den Gekreuzigten!“ schreibt er der Gemeinde in Korinth. Eine Stadt, in der die Weisheitslehrer sich die Klinken in die Hand geben und sich gegenseitig mit ihren Sinnrezepten und Lebensweisheiten übertrumpfen. Und ich kann mir richtig vorstellen, wie die den Kopf schütteln. „Wie kann denn bitteschön jemand, der am Kreuz gestorben ist, die Antwort auf unsere Frage sein? Das ist doch absurd!“

Und mal ganz ehrlich, sind diese Zweifel nicht berechtigt? Widerspricht das nicht unserer menschlichen Vernunft? Wie kann ich am Kreuz Sinn finden, im Scheitern also, im Leid, im Tod sogar? Denn den Sinn im Leben finden, heißt doch eigentlich sein Glück finden, Und auch heute gibt es Regale voll mit Ratgebern, die verkauft werden wie warme Semmeln, weil sie Rezepte versprechen, wie man glücklich wird, nämlich gelassen und erfolgreich, im Einklang mit sich selber und in Harmonie mit den anderen.

Und dann hören wir Paulus, wie er sagt: Ich will von nichts anderem wissen als von Jesus Christus, dem Gekreuzigten. Und man fragt sich: Was heißt das für mein Leben und für meine Suche nach Sinn und Glück?

Wie gut also, dass wir nicht nur Paulus haben, sondern auch andere, die seine Weisheit in Geschichten verpacken, damit wir das Ganze besser verstehen können. Und so erzählt der Evangelist Matthäus von den Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern folgen. Denn auch sie sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Sonst hätten sie sich ja aufgemacht, um jenen zu finden, der da heißt „Wunderbar, Rat, Held, Ewig-Vater Friedefürst.“ Also einer, der die Antwort nicht nur weiß, sondern der diese Antwort selbst ist. Und sie glauben sich schon am Ziel, als sie den Palast des Herodes in Jerusalem betreten. Denn wo sonst sollten sie die Antwort finden, wenn nicht dort im prächtigen Schloss des Herrschers? Von wem sonst sollten sie es sich erklären lassen, wenn nicht von den Schriftgelehrten, die das Wissen von Generationen haben?

Aber das ist ein Irrtum, wie sich schnell herausstellt. Denn am Hof weiß man von nichts. Im Gegenteil man will es auch nicht wissen. Herodes soll sogar sehr erschrocken gewesen sein, und sein ganzer Hofstaat mit ihm. Weil dadurch alles, worauf er baut, nämlich Erfolg, Reichtum und Macht, durch die Suche der Weisen ins Wanken gerät und fraglich wird. Und es ist schon bemerkenswert, dass sich nicht einer von ihnen den Gästen aus dem Morgenland anschließt, sondern alle dableiben, wo sie sind. Aber warum sollten sie auch, sie haben ihr Glück ja gefunden, es geht ihnen gut, ihnen fehlt es an nichts, und deshalb auch nichts am Sinn des Lebens.

Die Weisen aber ziehen weiter und finden jenen, nach dem sie suchen, bekanntlich ganz woanders. Sie finden in einem Stall, auf den sie gekommen wären, hätte ihnen der Stern nicht den Weg dahin gewiesen.

Wie ist das aber mit uns? Wie steht es mit unserer Suche nach Sinn, nach Glück, nach Weisheit? Wir haben ja diesen Stern nicht, der uns so klar wie jenen Weisen aus dem Morgenland vor Augen steht, dass wir ihm einfach nur folgen müssen.

Es gibt aber noch eine andere Geschichte. Und die steht nicht in der Bibel, enthält aber nicht weniger Weisheit. Es ist die Legende vom vierten König. Und die könnte uns vielleicht weiterhelfen. Außer den drei aus dem Osten sei da nämlich noch ein vierter dem Stern von Bethlehem gefolgt, wird erzählt. Auch dieser kam vielleicht aus dem Morgenland, vielleicht aber auch von woanders her. Manche sagen: aus dem frommen Russland von einst. So oder so, er könnte mir helfen zu verstehen, Jesus als den Sinn meines Lebens zu begreifen. Vielleicht hilft er auch Ihnen, liebe Brüder und Schwestern. Und deswegen möchte ich Ihnen heute Morgen die Geschichte seiner Suche erzählen, also der Suche des vierten Königs erzählen:

Der hatte sich nämlich verspätet. Aufs Beste ausgerüstet und mit Schätzen versehen, war er aufgebrochen. Doch ging ihm auf seiner Reise alles verloren. Denn er ließ sich ablenken von seinem Weg. Hier musste er erst einem Bettler helfen und dort einem in Not geratenen Kind. Dann war da eine Witwe, die nichts mehr hatte und der er über die Runden half. Und ein anderes Mal konnte er es nicht mit ansehen, wie Bauern in die Sklaverei geschickt werden sollten. Er musste sie freikaufen. Während er so immer aufs Neue auf Umwege und Abwege geriet, blieb ihm weder von seiner früheren Macht etwas übrig noch von seinem Reichtum. Auch der Stern, der ihn einst leitete, war längst am Himmel verschwunden. Er fand nicht nach Bethlehem und verpasste alles, was dort geschah. Schließlich wurde er sogar auf eine Galeere gekettet und plagte sich, über das Ruder gebeugt, Jahr um Jahr.

Gealtert und geschwächt setzte man ihn schließlich irgendwo ab. Und weil er nicht wusste, wo er hin sollte, folgte er einfach einer Gruppe von Reisenden, die zu einer Stadt zogen. Und er erlebte, wie vor den Toren dieser Stadt drei Männer am Kreuz hingerichtet wurden.

Dort unter diesem Kreuz aber sah er sich auf einmal angeblickt und erkannt und am Ziel. Dort unter diesem Kreuz verstand er auf einmal, dass der, den er so sehnlichst all die Jahre gesucht hatte, die ganze Zeit schon bei ihm war.

Wir finden den Sinn des Lebens also nur im Leben selbst. Wenn wir uns wie der vierte König darauf einlassen. Ohne Wenn und Aber. Ohne doppelten Boden. Wenn wir unserem Herzen folgen, weil nur das Herz die Antwort weiß. Nach menschlichen Maßstäben ist das der helle Wahnsinn. Aber wenn wir staunen, lieben, großzügig sind und jeden Augenblick als Geschenk begreifen, dann verstehen wir, warum Paulus ausgerechnet am Kreuz fündig geworden ist, warum er dort den Sinn des Lebens begriff. Denn nur dort entdecken wir ihn. Denn dort entdecken wir die Liebe, die Gott selbst ist. In ihr ist Gott Mensch geworden. Damit auch wir aus dieser Liebe leben, – nicht aus der Weisheit der Menschen, sondern aus der Kraft Gottes.

„Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist, was es ist, sagt die Liebe,“ so beginnt ein sehr bekanntes

Gedicht von Erich Fried. Und ich möchte zum Schluss der Predigt das Wort an ihn nun weitergeben.

Es ist Unsinn,

sagt die Vernunft.

Es ist, was es ist,

sagt die Liebe.

 

Es ist Unglück,

sagt die Berechnung.

Es ist nichts als Schmerz,

sagt die Angst.

Es ist aussichtslos,

sagt die Einsicht.

Es ist, was es ist,

sagt die Liebe.

 

Es ist lächerlich,

sagt der Stolz.

Es ist leichtsinnig,

sagt die Vorsicht.

Es ist unmöglich,

sagt die Erfahrung.

Es ist, was es ist,

sagt die Liebe.

Denn sie ist doch die Antwort auf all unser Fragen!

Pfarrerin Henriette Crüwell, 14. Januar 2018

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.