Evangelische Kirche in Hessen und Nassau Jetzt folgen
Haben Sie Fragen?
27 August
Sonntag, den 27.08.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Vom Umgang mit Neinsager

Predigt am 11. So nach Trinitatis, 27.8.2017

„Ne! Keinen Bock! Lass mich in Ruhe!“ kommt es aus dem Kinderzimmer auf die elterliche Bitte hin, doch jetzt endlich mal die Küche aufzuräumen.

Oder „Mach ich gleich, aber jetzt nicht!“ Oder „Geht nicht! Da habe ich schon was vor!“ simst die Freundin und hat mal wieder keine Zeit für einen gemütlichen Abend. Oder „Nein! Das gehört nicht zu meinem Arbeitsbereich!“ antwortet der muffeligen Kollege auf die Frage, ob er vielleicht den Auftrag übernehmen könnte. Und wie gut geht es einem doch, wenn dann die Küche doch wieder überschaubar ist, und die Berge von Schuhe zueinander passen. Es geschehen ja immer wieder Zeichen und Wunder!

Ganz ehrlich: Mir fällt es manchmal schon schwer, so ein „Nein“ nicht persönlich zu nehmen, dann nicht sauer zu reagieren und Druck auszuüben oder mich beleidigt zurückzuziehen. Es ist eben nicht leicht, eine abschlägige Antwort gelassen hinzunehmen

Wie, liebe Brüder und Schwestern, würden Sie reagieren? Was machen Sie, wenn Menschen Sie abblitzen lassen, Ihnen eine Bitte ausschlagen oder eine Einladung absagen?

Wie viel Verständnis wir für die anderen aufbringen, auch für ihr Nein, scheint für Jesus der Lackmustest zu sein, wie ernst es uns mit dem Reich Gottes wirklich ist, also mit dem, was Gott uns sagen will. Und er erzählt uns in einem Gleichnis, wie Gott mit einem „Nein“ umgeht und was er von uns erwartet. Es ist der Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht bei Matthäus im 21. Kapitel:

Mt 21,28-32

Die Antwort auf die Frage Jesu, liebe Brüder und Schwestern, welcher der beiden Söhne den Willen des Vaters nachgekommen ist, liegt auf der Hand: Der, der sich zwar zunächst geweigert hat, dann aber seine Entscheidung bereut und doch in den Weinberg geht. Das sehen auch die Hohenpriester und Ältesten so, denen Jesus diese Geschichte erzählt. Und in vielen Kommentaren und Predigten zu diesem Gleichnis kann man dann die Moral der Geschichte finden: „Aufs Tun kommt‘s an!“

Das ist ohne Zweifel eine wichtige Einsicht und auch eine stete Anfrage an mich selbst: Inwieweit hat das, was ich sonntags hier feiere und bekenne, Auswirkungen auf meinen Montag und alle darauffolgenden Tage?

Aber: ich glaube, dass ist nicht die ganz Botschaft, die Jesus hier seinen Gesprächspartnern und damit auch uns zum Denken mitgeben will.

Man wird diesen frommen Juden nämlich nicht unterstellen können, dass sie nur Lippenbekenntnisse von sich geben und nichts unternehmen. Denn sie halten sich penibel an das Gesetz. Und dazu gehört auch den Zehnten zu geben, sich um die Waisen und Witwen zu sorgen und gute Werke zu tun. Und ich bin sicher, die Männer, die sich da mit Jesus im Tempel streiten, haben alle diese Gebote in einem Maß erfüllt, dass viele sich eine Scheibe davon abschneiden können.

Warum kommt Jesus eigentlich auf dieses Gleichnis? Und warum warnt er die Ältesten und Hohepriester, dass sie die letzten sein werden, die ins Reich Gottes kommen, wenn sie so weitermachen?

Schauen wir uns nochmal den Zusammenhang an. Am Tag zuvor hatte er die Händler und Budenbesitzer aus dem Tempel gejagt und stattdessen die Blinden und Lahmen hineingelassen, um sie zu heilen. Schon da ist er mit den Priestern und Ältesten aneinandergeraten. Und nun am Morgen ist er wieder da und lehrt. Das Tempelpersonal stellt ihn zur Rede: „Mit welcher Vollmacht tust du das?“ fragen sie ihn. Für die Kranken und Verzweifelten, denen Jesus geholfen hat, stellt sich diese Frage nicht. Sie rufen Jesus hinterher: „Sohn Davids, weil sie wissen, er kommt von Gott und mit ihm wird alles gut.

Die Besserwisser aber bleiben skeptisch. Und sie stellen ihm die Machtfrage. Denn das, was sie da beobachten, bringt ihr ganzes Weltbild durcheinander. So einfach, nämlich bloß auf ein Wort dieses Wanderpredigers hin, können Menschen doch nicht gesund werden! So kostenlos soll ein Sünder zum Heiligen? Und deshalb stellen sie ihn zur Rede und wollen eine Vollmacht, ohne die nichts sein kann, was nicht sein darf.

Aber Jesus antwortet mit einer Gegenfrage, nämlich mit der nach der Vollmacht des Johannes, der am Jordan die Menschen getauft hat und den das Volk für einen Propheten hält. Und damit bringt er seine Gesprächspartner ganz schön ins Schleudern. Und so weichen sie der Frage lieber aus und antworten: „Wir wissen es nicht!“

Daraufhin hält Jesus ihnen mit dem Gleichnis der zwei Söhne einen Spiegel vor und fordert sie zu einer Antwort heraus. „Was meint Ihr? Wer von den beiden Söhnen hat den Willen des Vaters getan?“ Das zu beantworten, ist für die Schriftgelehrten ein Kinderspiel. Hier bewegen sie sich auf sicherem Boden. Sie ist ja geradezu zwingend: „Selbstverständlich der, der seinen Willen tut!“ sagen sie.

Aber das Lob bleibt aus. Im Gegenteil! Jesus wird hier sehr scharf: „Amen, ich sage Euch die Zöllner und Huren kommen vor Euch ins Himmelreich!“

Denn sie sind, als sie Johannes gehört haben, umgekehrt und tun damit Gottes Willen. „Ihr aber,“ wirft Jesus den rechtschaffenen und vermeintlich Frommen vor, „Ihr habt Johannes nicht geglaubt und seid nicht umgekehrt!“

Warum sollen wir denn umkehren? werden sich die frommen Männer da vielleicht gefragt haben. Wir machen doch schon alles richtig. Im Unterschied zu diesen Sündern übrigens.

Und genau da zeigt ihnen Jesus mit seinem Gleichnis:

Wie viel Verständnis, sagt, wie viel Mitleid habt ihr eigentlich mit denen, bei denen es nicht so glatt läuft wie bei Euch?

Denn, wenn Ihr um ihre Not wüsstet, würdet Ihr nämlich nicht fragen, mit welcher Vollmacht ich heile und lehre. Denn: Dann wüsstet Ihr es!

In all ihrer moralischen Überheblichkeit, mit der die vermeintlich Rechtschaffenen auf die Kranken, auf die Zöllner, Huren und all die anderen armen Schlucker herabschauen, geben sie ihnen nämlich keine Chance, anders zu sein. Einmal kriminell immer kriminell! Einmal Sünder immer Sünder! Einmal faul immer faul. Einmal unordentlich immer unordentlich. Darauf nageln sie sie fest.

Und so setzen sie die Schwelle in den Tempel für all diese Gescheiterten so hoch, dass sie unüberwindbar wird. „Weh euch Ihr Schriftgelehrten!“, warnt Jesus sie deswegen an anderer Stelle. „Ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten, und ihr rührt sie nicht mit einem Finger an!“

Im Unterschied zu dem Vater im Gleichnis, der das Nein seines Sohnes respektiert, weil er ihn liebt und ihm vertraut, packen sie noch eins drauf: „Was gibst Du Dich auch mit diesen Kriminellen ab,“ fragen sie Jesus, „das ist doch vergebene Liebesmüh!“

In ihrer Gnadenlosigkeit all diesen Gescheiterten gegenüber sind sie selbst diejenigen, die zu Gott und seiner Liebe „Nein“ sagen. Denn sie müssten ja etwas zugeben. Und davor haben sie Angst. Er könnte ihnen ja ihre Macht, ihre Sicherheit und Gerechtigkeit abspenstig machen.

Gott aber lässt uns Menschen Raum, uns zu entwickeln. Er nagelt uns nicht fest auf das, was in unserem Leben alles schon schief gelaufen ist. Er fängt immer wieder neu mit uns an. Weil er uns liebt und uns vertraut. Und weil er darauf vertraut, dass wir schon zu ihm finden.

Und deswegen sind sie die Selbstgerechten immer die eigentlichen Verlorenen, auch in dieser Geschichte. Sie vertrauen Jesus nicht. Sie glauben ihm nicht, dass Gott sie vorbehaltlos lieben – selbst dann, wenn sie nichts vorzuweisen haben.

Aber genau um dieses Vertrauen geht es Jesus. Das ist die Vollmacht, in der er lehrt und heilt. Dieses Vertrauen ist der Weg der Gerechtigkeit, den Johannes draußen in der Wüste am Jordan jenen zeigt, die sehnsüchtig und verzweifelt und den die als Ausweg begreifen, weil sie nicht mehr weiterwissen. Für sie öffnet sich mitten in der Wüste der Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn! Du bist meine geliebte Tochter!“ Weil sie verstehen, dass der himmlische Vater sie nicht verloren gibt. Weil sie verstehen, dass er ihnen vertraut.

Meine lieben Brüder und Schwestern, wie sieht das bei uns aus? Können wir aus diesem Vertrauen leben, anerkannt zu sein? Auch dann, wenn wir „Nein“ sagen, scheitern und uns nichts zu gelingen scheint?

Glauben wir Gott doch, dass er Ja zu uns sagt, wenn alle – auch wir selbst – uns verurteilen! Glauben wir ihm doch, dass er der gute Vater und die liebevolle Mutter ist, die auch unser „Nein“ respektiert. Er gibt uns den Raum, den wir brauchen. Trauen wir ihm doch einfach zu, dass er unserem Leben eine neue Richtung geben kann.

Vielleicht hilft Ihnen dabei ja eine kleine Geschichte, die schon sehr nachdenklich macht und irgendwie einsichtig ist. Ich habe sie mir aufgehoben, weil sie mir etwas sagt. Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich:

Da fährt ein älterer Mann in einem Zug. Bei jedem Bahnhof stöhnt und jammert er mehr. Schließlich fragt ihn einer der Mitreisenden, was er denn hätte. Und der Mann antwortet tieftraurig: „Ich sitze im falschen Zug und mit jedem Bahnhof komme ich weiter weg von dem Ort, wo ich eigentlich hin will.“ – „Aber warum steigen Sie dann nicht aus?“, fragt der andere mitleidig. „Das geht nicht; ich habe doch so viel Geld für die Fahrkarte bezahlt.“

Doch, liebe Brüder und Schwester, doch das geht! Aussteigen und umkehren geht immer! Um da anzukommen, wohin man eigentlich will.

Warum?

Weil wir, um im Bild zu bleiben, die Rückfahrkarte ja nicht selbst bezahlen müssen. Die hat Gott doch schon längst für uns gelöst. Er steht doch an jeder Station und wartet darauf, dass wir aussteigen und zu ihm zurückkommen, weil er uns liebt und auf uns wartet. Und er freut sich, wenn wir uns für ihn entscheiden. Weil er über einen einzigen Sünder froh ist, der umkehrt, als über 99 Gerechte. Wer könnte denn dazu Nein sagen?

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.

Die großen Ferien sind vorbei! Der Alltag hat uns wieder! Im September und Oktober laden wir Sie zu vielen schönen Veranstaltungen und Gottesdiensten ein, die die Ferienstimmung noch etwas in den Alltag hinüberretten sollen.