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23 Juli
Sonntag, den 23.07.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Sommerzeit – Ferienzeit – heilige Zeit

…. und der Kirchenchor unter Leitung von Simon Fell singt.

Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Brüder und Schwestern!

Sommerzeit ist Ferienzeit. Und das nicht nur für jene, die jetzt in den Urlaub fahren. Auch für die Daheimgebliebene ticken die Uhren in diesen Ferienwochen ein bisschen anders.

Und wie schön ist das, mal nicht nur die Füße, sondern auch die Seele in der Sonne baumeln zu lassen -egal ob im Schwimmbad oder im Meer, in der eigenen Badewanne oder an der Riviera. Endlich mal nicht hetzen und von früh bis spät an alles denken müssen, sondern zur Ruhe kommen, ausschlafen, spät frühstücken und einfach in den Tag hinein leben.

Ich erinnere mich an wunderschöne Sommerferientage, an denen ich als kleines Mädchen eigentlich nichts anderes gemacht habe, als mitten auf einer Wiese im Garten meiner Großeltern zu liegen, zu träumen und mich im besten Sinne zu lang-weilen, denn es war mir da, als ob die Zeit stehen geblieben sei. In diesen Sommertagen war ich ganz bei mir, aber auch mit dem Sommerwind, der über das ungemähte Gras strich, mit den Vögeln, den Käfern, den Grashüpfern und den vielen, vielen Gänseblümchen um mich herum.

Als Erwachsene brauchen wir manchmal jedoch mehr als eine Sommerwiese, um zu uns zu kommen und zuwissen, wie wir leben wollen und was uns wichtig ist. Und je älter wir werden, desto länger ist der Weg dorthin.

Diese Sinnsuche bewegte auch Dietrich Bonhoeffer in einem seiner Briefe aus dem KZ, in dem er über ein Gespräch schreibt, das er einmal in Amerika mit einem jungen französischen Priester hatte. „Wir hatten uns, „ so Bonhoeffer, „ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollen. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden. Und ich halte für möglich, dass er es geworden ist. Das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: Und ich möchte glauben lernen.“

Diese Antwort Bonhoeffers ist uns vermutlich erst einmal sympathischer. Sie klingt geerdeter und realistischer. Wenn jemand sagt, dass er ein Heiliger werden möchte, dann klingt das unheimlich abgeklärt und selbstsicher. Zudem ist ja jenes Bild, das viele von Heiligen haben, nicht immer das ansprechendste. Da fallen uns seltsame Gestalten aus so mancher mittelalterlichen Legende ein oder mit Gold und Edelsteinen verzierte Knochengerippe aus barocken Reliquienschreinen. Heilig, das klingt nach weltfremd, verschroben und immer ein paar Zentimeter über dem Boden schwebend.

Dabei sind wir, wenn wir den Apostel Paulus hören, als Getaufte doch alle Heilige! Immer wieder nennt er die Gemeinden seiner Zeit und damit auch uns so in seinen Briefen. Wir sind also Heilige. Haben wir uns da von den unzähligen Heiligenlegenden etwa auf eine falsche Fährte bringen lassen?

Was heißt das denn, liebe Brüder und Schwestern, heilig zu sein?

Die ersten Christen haben viel über ihre Beziehung zu Gott nachgedacht und sich selbst als sein Volk verstanden, das Jesus aus allen Völkern gesammelt hat, damit es ganz zu Gott gehört. „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk, das Gottes Eigentum ist,“ so lesen wir im ersten Petrusbrief. Sind denn nicht auch die Kinder eben zu Beginn unseres Gottesdienstes mit ihren Kronen fröhlich in den ihren marschiert? Denn sie sind ja auch schon wie wir alle ein Teil dieser königlichen Priesterschaft.

Ich möchte nun mit Ihnen ein wenig darüber nachdenken, was uns die biblische Geschichte zu der Frage zu berichten hat, was es bedeutet, ein heiliges Volk zu sein, eine königliche Priesterschaft.

Schon ersten Christen greifen in ihren Überlegungen auf ein Bild zurück, das sie in den Büchern des Volkes Israel finden. Als Gott mit ihnen in der Wüste Sinai seinen Bund besiegelt, sagt er zu ihnen: „Wenn ihr nun meiner Stimme gehorcht und meinen Bund haltet, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern. Und Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ Und an diese Zusage erinnert Mose sein Volk, als sie nach vielen Jahren in der Wüste endlich zum Jordan kommen, an dessen anderem Ufer sie schon das Land ausmachen können, das Gott ihnen verheißen hat. Mose sagt zum Volk Israel im heutigen Predigttext:

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Der HERR, Euer Gott, hat euch unter allen Völkern der Erde ausgewählt und zu seinem Eigentum gemacht. Das tat er nicht etwa, weil ihr größer seid als die anderen Völkern – Ihr seid vielmehr das kleinste unter ihnen! Nein, er tat es einzig deshalb, weil er euch liebt und das Versprechen halten will, das er euren Vorfahren gegeben hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt aus dem Land, in dem ihr Sklaven wart. Deshalb hat er euch mit seiner starken Hand aus der Gewalt des Pharao befreit. Er wollte euch zeigen, dass er allein der wahre Gott ist und dass er sein Wort hält. Er steht zu seinem Bund und erweist seine Liebe bis in die tausende Generation an denen, die ihn lieben und seine Gebote befolgen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, das fünfte Buch Mose, aus dem diese Verse sind, ist eine einzige große Abschiedsrede. 40 Jahre Wüste liegen hinter ihnen. Und nun stehen sie am Ufer des Jordan und sehen auf der gegenüberliegenden Seite schon das Land, das Gott ihnen verheißen hat. Es wird Josua sein, der sie durch diese Fluten dorthin führen wird. Denn Mose selbst stirbt, ohne das gelobte Land betreten zu haben.

Diese letzte Rede ist also sein Vermächtnis. Und er erinnert Israel ein letztes Mal, es möge bitte nie vergessen, dass es Gottes auserwähltes Volk ist. Denn er hat die Sorge, dass seine Leute sich ganz schnell wieder den Gepflogenheiten der anderen Völker anpassen und den Sinn des Lebens aus den Augen verlieren. Und er macht sich mit ihnen Gedanken darüber, warum Gott sich ausgerechnet sie ausgesucht hat, obwohl es doch das unbedeutendste unter allen Völkern sei.

Warum sind wir das auserwählte Volk und nicht eines der vielen anderen, die größer, mächtiger und kulturell entwickelter sind als wir? fragt er. Was zeichnet uns denn aus, die wir doch nur entlaufene Sklaven sind, mürbe geworden durch Jahre der Wüstenwanderung und so zerstritten, dass wir immer in der Gefahr stehen, getrennte Wege zu gehen und uns anderen Völkern und deren Göttern anzudienen?

Und so lautet denn auch die einzige Antwort, die Mose findet: Nicht weil Du besonders fromm warst, nicht weil Du dich unter all den anderen als der Beste erwiesen hast, nicht weil Du die größten Tempel gebaut, die feierlichsten Gottesdienste gehalten, die vorbildlichste Ordnung hervorgebracht hast, ist meine Wahl auf Dich gefallen, Israel, sondern weil ich, der HERR, Dich liebe und Dir treu bin. Es gibt keinen anderen Grund, sagt Mose. Gott hat sich aus freien Stücken verpflichtet und erwartet im Gegenzug von Euch, dass Ihr nach seinen Geboten lebt. Ihr seid sein Eigentum. Ihr gehört zu ihm! Vergesst das nie!

Warum aber wählt Gott ein einzelnes Volk aus? Warum tut er das?

Weil es seine Art ist, unsere Welt zum Guten zu verändern. Seine Lebensregeln sind völlig andere als jene, nach denen unsere Welt tickt. Deswegen, so erzählt ein Midrasch, also eine jüdische Geschichte, wollte auch kein anderes Volk außer Israel mit Gott einen Bund schließen. Und Israel habe das auch nur deshalb gemacht, weil es in seiner Begeisterung unterschrieben habe, ohne vorher das Kleingedruckte zu lesen.

Gott will nichts anderes, als unsere Welt zum Guten wenden. Seit Adam und Eva schreit sie doch zum Himmel, die Not der Welt. Und beginnt sie nicht tief in uns drinnen? In unserer Einsamkeit, in unserer Schuld, in unserer Angst?

Aber wie kann man die Welt bis in ihre Wurzeln verändern, ohne Gewalt anzuwenden und ihr die Freiheit zu nehmen? Bis heute ist doch keine Revolution ohne Gewalt ausgekommen und hat nur wieder zu neuem Unrecht geführt. Es kann nur so gehen, dass Gott klein anfängt und dass er an einer einzigen Stelle der Welt beginnt. Es muss einen sichtbaren Ort geben, an dem die Erlösung der Welt ihren Anfang nimmt.

Und das heißt, wo unsere Welt zu dem wird, was sie im Sinne Gottes sein soll. Von da aus kann sich das Neue ausbreiten. Aber das gelingt nicht durch Überredung und erst recht nicht durch Gewalt, sondern durch Begeisterung und Leidenschaft für Gerechtigkeit und Frieden. Und die ist dort, wo Menschen die Gelegenheit haben, zu kommen und zu sehen, auszuprobieren und zu bleiben. Nur so kann sich die Welt wirklich zum Guten wandeln.

Gott hat sich Israel als diesen Ort erwählt, um allen anderen zu zeigen, wie Er sich das Ganze gedacht hat. Er hat sich uns erwählt, so glauben auch wir. Und könnte dann nicht auch unsere Gemeinde ein solcher Ort sein, wo Gott anfängt?

„Erwählung“ heißt dann nicht Bevorzugung und ist auch nicht mit Privilegien verbunden, sondern sie ist Auftrag, Verantwortung zu übernehmen, sich den herrschenden Verhältnissen zu widersetzen und allein auf Gott zu hören.

Wenn Mose Israel also ein „heiliges Volk“ nennt, dann meint er nicht damit, dass es besonders vorbildlich und tugendhaft sei, sondern dass es sich immer wieder von Gott herausrufen lässt aus dem Unfrieden, der unsere Welt tagtäglich regiert und ganz zu ihm gehören will. Ja, mehr noch: Ein heiliges Volk ist es, weil Gott zu ihm gehören will auch dann, wenn es nicht auf seinen Wegen wandelt.

Und auch wir bekennen uns Sonntag für Sonntag zu der „Gemeinschaft der Heiligen“. Mit welchem Recht tun wir das? Wir tun das, weil wir glauben, dass wir durch Jesus Christus ebenso herausgerufen sind aus den Völkern wie Israel, zu Gott gehören und Er zu uns, und wir zusammen mit ihm zu dem Ort werden sollen, wo Menschen erleben können, wie die Welt in Seinem Sinne aussehen könnte.

Und dann, dann ist das Wasser der Taufe jenes Wasser des Jordan, in das auch wir eintauchen, um in das Land zu gelangen, das Gott uns verheißen hat. Wie Israel sind also auch wir als Getaufte sein Eigentum.

Liebe Familie von Oliver, Sie bringen heute Ihren Sohn zur Taufe. „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden,“ diesen Vers aus der Apostelgeschichte haben Sie für Oliver ausgesucht. Als ich Sie fragte, warum Sie Ihrem Sohn gerade diesen Vers mit auf seinen Lebensweg geben wollen, haben Sie geantwortet: „Weil wir möchten, dass er nie ein Mitläufer sein wird, sondern immer den Mut hat, sich als Mensch zu zeigen!“ Ich bin Ihnen für diese Antwort sehr dankbar. Denn ist es das nicht, was in der Taufe seinen Anfang nimmt? Ist es nicht das, was mit „Heiligung“ gemeint ist, nämlich nicht einfach nur Mitläufer zu sein, sondern sich als Mensch zu zeigen? So hat das zumindest Martin Luther in seinem kleinen Katechismus geschrieben. Wo er unter der Überschrift „Heiligung“ über die Taufe sagt, sie bedeute, dass wir täglich neu herauskommen und auferstehen als ein neuer Mensch, der „in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe“.

Unsere Welt braucht Menschen, die tiefer sehen und hören; für die kein Baum nur ein Baum ist, ein Brot nicht nur ein Brot, der Gesang eines Vogels nicht nur eine lose Tonabfolge und das Plätschern einer Quelle nicht nur ein mechanisches Ereignis. Sie braucht Menschen, die achtsam sind, die staunen, die sich begeistern lassen und die nicht anders können, als das Leben und die Menschen zu lieben. Sie braucht Menschen, die nie aufhören, in jedem Gesicht, das ihnen begegnet, den zu sehen, der die Liebe ist.

Unsere Welt braucht Menschen, die sich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge dieser Liebe immer wieder in die Arme werfen.

Sommerzeit ist Ferienzeit. Sommerzeit ist unsere „heilige“ Zeit, in der wir anders leben können.

Mag sie uns die Freiheit schenken, über all das nachzudenken und wieder tiefer zu sehen und zu hören. Mag sie uns die Freiheit schenken, zu entdecken, was wir trotz der vielen, vielen Krisen unserer Zeit auch an Schönem haben, und uns zu dem führen, zu dem wir gehören. Mag sie uns die Freiheit schenken, als Heilige zu leben.

Wenn wir uns diese Freiheit in den nächsten Wochen hin und wieder bewusst nehmen und so wieder zu uns selbst finden und zu dem, was wirklich Sinn macht in unserem Leben, dann vergessen wir auch im Alltag nicht, dass wir aus der Gnade leben, die uns in der Taufe geschenkt ist. Und die Dir, lieber Oliver, nun auch geschenkt wird, wenn wir Dich gleich im Auftrag Jesu taufen. Wir wünschen Dir von Herzen, dass Du immer den Mut haben wirst, Dich Gott in die Arme zu werfen und auf ihn zu vertrauen. Vergiss bitte nie, dass Du getauft und dazu berufen bist, Dich als Mensch und darin heilig zu zeigen. Und wir versprechen Dir als Gemeinde, dass wir Dich immer unterstützen und mit Dir gemeinsam unterwegs sind als das Volk, das Gott sich ausgesucht hat, um sein Reich mitten in unserer Welt Wirklichkeit werden zu lassen.

Amen

Pfarrer Henriette Crüwell

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.