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23 April
Sonntag, den 23.04.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Quasimodogenitii – neugeboren?!

  • Predigt zu Joh 21,1-19 am 23.4.2017

Pfarrerin Henriette Crüwell

 

Meine lieben Brüder und Schwestern!

Als Kind habe ich mich in Bücher so vertiefen können, dass ich darüber oft gar nicht gemerkt habe, wie die Nacht verging. Wenn ein Buch spannend ist, dann kann ich es auch heute kaum aus der Hand legen, sondern lasse mich von der Geschichte mitreißen. Erst auf den letzten Seiten, wenn sich schon die ersten Strahlen der Morgensonne durch die Ritzen der Rollläden stehlen und nur noch ganz wenige Seiten übrig sind, kommt der Lesefluss ins Stocken. Denn mit der letzten Seite droht auch der Abschied von den liebgewonnenen Figuren, deren Freude und Glück ich geteilt habe, mit denen ich mitgelitten, mitgefiebert und mitgebangt habe. Und ich bin auch heute noch richtig traurig, dass ihre Geschichte zu Ende sein soll, und ich nicht mehr lesen kann, wie es mit ihnen weitergeht. Ich freue mich dann sehr, wenn ich doch noch weiterblättern kann und eine Leseprobe vom nächsten Band finde. Wie schön ist es, diese begonnene Geschichte in Gedanken schon weiterträumen zu können und darüber einzuschlafen…

 

Das heutige Evangelium, ist so ein Nachtrag, so eine Leseprobe. Das vorherige Kapitel schließt mit den Worten: „Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“ Und man könnte mit dicken Lettern dahinter schreiben: ENDE

 

Denn die Geschichte Jesu ist damit doch eigentlich fertig erzählt: Wir sind mit ihm und seinen Jüngern durch die weite Landschaft von Judäa, Galiläa und Samarien gewandert. Wir sind ihm gefolgt durch die Ortschaften und Städte bis nach Jerusalem. Wir haben von den Wundern gehört, die er getan hat. Zusammen mit den vielen anderen haben wir an seinen Lippen gehangen, um auch nichts zu verpassen, was er uns von Gott zu erzählen hat. Wir waren mit dabei, als Jesus vom Abschied sprach, von seinem grausamen Ende. Wir haben mit gebangt, als er von dem einen Freund verraten und vom anderen verleugnet wurde. Wir haben mitgelitten, als er verurteilt, gefoltert und gekreuzigt wurde. Wir haben mit den Frauen, mit seiner Mutter und dem Lieblingsjünger unter dem Kreuz gestanden. Wir haben gesehen, wie Jesus gestorben ist und begraben wurde. Mit Maria von Magdala haben wir das leere Grab entdeckt. Wir saßen mit den Jüngern hinter verschlossenen Türen im Abendmahlsaal, als der Auferstandene in ihre Mitte trat und ihnen den Frieden wünschte. Mit Thomas haben wir gezweifelt, haben gesehen, wie er seinen Finger austreckte, um die Wunden Jesu zu berühren. Und wir haben auch sein Bekenntnis gehört: Mein Herr und mein Gott!

Und jetzt sind wir auf der letzten Seite des Evangeliums angekommen. Unser Lesefluss kommt ins Stocken, denn der Abschied naht. Oder nicht?

 

Ja, wenn da nicht dieser Nachtrag wäre, der im 21. Kapitel des Johannesevangeliums steht und der der Predigttext für heute ist:

Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias und er offenbarte sich in folgender Weise.

Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus (Zwilling), Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen.

Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen.

Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit.

Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.

Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.

Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas fangen.

Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es.

Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.

Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.

Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.

Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.

Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.

Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.

Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.

 

„Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal“, mit diesen Worten setzt das 21. Kapitel des Johannesevangeliums neu ein und macht damit deutlich: Die Geschichte Jesu ist noch lange nicht zu Ende. Im Gegenteil. Sie geht jetzt erst richtig los. „Fortsetzung folgt!“ so heißt es ja am Schluss eines Buches, wenn es einen weiteren Band gibt.

 

Und auch der Verfasser des Johannesevangelium kündigt das an, wenn er am Ende seines Nachtrags schreibt: „Es gibt noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.“

 

„Jetzt seid Ihr dran!“ sagt er damit und stiftet uns dazu an, das Evangelium weiterzuschreiben. Warum? Weil es noch so viel gibt, das Jesus getan hat und tut bis heute. Denn er ist auch bei uns. In unserem Leben. In unserer Welt. In unserer Zeit.

 

Wo aber finden wir ihn, so dass wir seine Geschichte weiterschreiben können? Hören wir nochmal gemeinsam, was Johannes in seinem Nachtrag zum Evangelium schreibt:

 

Johannes beginnt mit einer detailierten Namensliste. Namentlich wird jeder genannt, der in dieser Nacht am See von Tiberias dabei ist. Nur zwei Jünger bleiben ohne Namen. Warum das?

 

Es ist wohl am besten zu verstehen als eine behutsame Aufforderung: „Wenn du all diese Namen hörst, die dir aus dem bereits Gelesenen und Gehörten bestens vertraut sind, dann trage dich mit deinem eigenen Namen in diese Liste ein. Denn auch Du bist heute Nacht dabei, wenn Petrus sagt: Ich gehe fischen! Und die anderen antworten: Wir kommen mit!“

Die Jünger Jesu sind nämlich wieder dort angelangt, wo sie waren, als Jesus zum ersten Mal in ihr Leben trat: bei der Arbeit, bei ihren Netzen und Booten, am See.

 

Wir können uns gut vorstellen, wie sie da beieinander sitzen wie Menschen, die gerade jemanden verloren haben, für die das Leben weitergeht, weitergehen muss, die aber die Ereignisse noch nicht fassen können, die in den letzten Tagen über sie hereingebrochen sind. „Wisst Ihr noch…?“ so fragen sie einander. „Wisst Ihr noch, wie wir ihn zum ersten Mal gesehen haben?“ „Wisst Ihr noch, wie die Menge sich hier am Ufer so drängte, dass wir Jesus mit dem Boot ein Stück hinaus auf den See fahren mussten, damit ihn alle gut sehen und hören konnten?“ „Wisst Ihr noch…?“ so hängen sie ihren Erinnerungen nach, die sie nicht trösten, sondern im Moment eigentlich noch schwermütiger machen. Denn ist das alles nicht Vergangenheit, unwiederbringlich vorbei? Und jetzt? Wie wird es werden ohne ihn?

 

„Also ich geh jetzt fischen,“ sagt Petrus, dem das alles zu viel wird, und steht auf. „Wir kommen mit!“ sagen die anderen. Das Leben muss ja weiter gehen, so lautet das bewährte Rezept für jeden, der um einen anderen trauert. Die Jünger kehren schlicht in ihren Alltag zurück. Nichts Überragendes. Sie werfen ihre Netze aus – wie immer.

 

Die Jünger fischen die ganze Nacht hindurch, wie sie das schon so oft gemacht haben. Aber sie fangen keinen einzigen Fisch. Ihre Netze bleiben leer. Und irgendwie überrascht das nicht. Es passt zu der ganzen Stimmung dieser Nacht am See von Tiberias. Die erfahrenen Fischer haben keine Fehler gemacht. Sie verstehen ihr Handwerk. Aber ihre Mühe ist vergeblich. Wie kann es auch anders sein? Sie sind nicht bei der Sache. Sie sehen buchstäblich nur schwarz und blicken ins Leere.

 

Manchmal spürt man das ja an sich selbst: es ist dieselbe Handbewegung, es sind dieselben Worte, und es ist, als falle alles ins Leere. „Ob einer glücklich ist, kann er dem Wind anhören,“ hat der Frankfurter Philosoph Theodor Adorno einmal gesagt. „Dieser mahnt den Unglücklichen an die Zerbrechlichkeit seines Hauses und jagt ihn aus leichtem Schlaf und heftigem Traum. Dem Glücklichen aber singt er das Lied seines Geborgenseins.“

 

Wie aber hört man wieder dieses Lied? Wie werden die Netze wieder voll? Was ist zu tun, um glücklich zu sein? Das werden sich auch die Jünger in dieser Nacht draußen auf dem See gefragt haben.

 

Schließlich beginnt es endlich zu dämmern und da dämmert es auch den Jüngern. Jetzt erst sehen sie eine Gestalt am anderen Ufer und hören die Frage: „Meine Kinder, habt ihr nichts zu essen?“

 

Irgendwann ist es notwendig, Bilanz zu ziehen, wovon wir bisher gelebt haben, was uns wirklich genährt und glücklich gemacht hat. Dafür braucht es viel Ehrlichkeit uns selbst gegenüber, viel Mut und vielleicht sogar den Schutz der Nacht, um wie die Jünger dann antworten zu können: „Nein! Wir haben nichts!“

Vergebliche Nächte und vergeblichen Tage gehören zum Leben dazu. Aber es kann sein, dass wir leichter und barmherziger miteinander umgehen, wenn wir es uns selber eingestehen und einander eingestehen: Nichts! Niente!

 

Aber noch mehr als das braucht es diesen einen, der am Ufer steht und fragt: „Meine Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Diese Anrede „Kind“ taucht nur an dieser einen Stelle im gesamten Johannesevangelium auf. Sie ist wichtig. Denn es heißt soviel wie: „Ihr müsst nicht die Macher sein, die immer obenauf sind. Ihr müsst euch nicht schämen, schwach zu sein, angewiesen auf andere. Ihr müsst euch nicht schämen, traurig oder gescheitert zu sein. Hier bei mir ist der Ort, an dem ihr es sagen könnt, wie es um Euch steht. Hier ist der Ort, wo Ihr ausruhen könnt. Denn glaubt mir, das Wunder geschieht, es wird Morgen, und ich stehe am Ufer.“

 

Es scheint eine uralte Weisheit des Glaubens und des Lebens zu sein, dass gerade das, wovor wir uns am meisten fürchten, nämlich die eigene Leere und die eigene Bedürftigkeit einzugestehen, am Ende unseren eigentlichen Reichtum ausmacht. Vielleicht weil wir dann, wenn wir das bewusst durchleben, spüren, was wirklich in uns steckt. Und mit welcher Fülle wir gesegnet sind. Und wenn man sehr alte Menschen mit einem großen Schatz an Lebenserfahrung dazu befragt, dann bestätigen sie das: Das wirklich Wichtige haben wir im Leben geschenkt bekommen – meist sogar just, als wir es nicht erwartet haben.

 

Wenn wir bereit für dieses Wunder sind, liebe Brüder und Schwestern, werden wir wie die Jünger auch die Aufforderung Jesu erst richtig verstehen: „Werft Eure Netze zur rechten Seite aus und ihr werdet finden,“ sagt er. Wo Menschen auf seine Zusage vertrauen, neue Wege betreten, Ungewöhnliches ausprobieren und nicht länger auf Teufel komm raus versuchen, ihr Glück selbst zu machen, da werden die Netze voll. Und die Herzen gleich mit. Da gehen ihnen die Augen auf wie dem Lieblingsjünger da draußen auf dem See, der ausruft: es ist der Herr! Wo wir uns nämlich selbst wahrhaftig werden und nichts überspielen, da begegnen wir Jesus.

 

Und der ist nicht fern, sondern sehr nah. „Etwa 200 Ellen weit weg“, erzählt der Evangelist Johannes fast schon humorvoll. Noch nicht mal 100 m. Man kann den Abstand zwischen uns und Jesus sozusagen mit dem Meterband abmessen. Er ist nicht entmutigend weit weg. Er ist bei uns. Mitten im Alltag. Er ist bei uns, wenn wir telefonieren und die Post sortieren. Er ist bei uns, wenn wir das Mittagessen kochen, im Stau stehen oder vor der Kasse im Supermarkt warten. Er ist bei uns vom Morgen bis zum Abend, wenn wir vor dem Fernseher müde vom Tag die Füße hochlegen. Er ist bei uns auch und gerade in jenen vergeblichen Nächten, wo wir nur noch schwarzsehen und ihn aus den Augen verloren haben. Er ist da. Er bleibt bei uns, durchdringt unseren Alltag bis in die letzte Faser und verlässt uns nicht.

 

„Da es aber jetzt Morgen war, stand Jesus am Ufer.“

Wenn Sie nachher in Ihrer Bibel nachlesen, vielleicht in einer anderen Übersetzung, dann lautet der Satz möglicherweise etwas anders, nämlich: „Da trat Jesus ans Ufer.“ Mir ist die Luther-Übersetzung lieber: „Da es aber jetzt Morgen war, stand Jesus am Ufer.“ Denn das bedeutet, dass er schon die ganze Zeit über da ist. Die Jünger meinten, sie seien allein, als sie die Nacht hindurch vergeblich fischten, sie seien allein, als sie die Netze leer aus dem See zogen, sie seien allein, als sie entmutigt heimkehrten – in Wirklichkeit aber stand Jesus die ganze Zeit am Ufer und war immer dabei. Bei ihnen.

 

„Kommt, esst!“ sagt Jesus schließlich, als die Jünger ans Ufer kommen. „Kommt esst! Ihr alle!“ Und niemand von ihnen wagt zu fragen „wer bist du?“ Denn sie wissen es einfach, dass er es ist. Schon einmal hat er sie an eben jenem Ufer eingeladen und gesagt: „ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ Und sie spüren, dass sie ihn dort immer finden werden.

 

Es gibt ein Gedicht von Hilde Domin, das diesen Glauben ganz wundervoll in Worte bringt. Es heißt „die schwersten Wege“

„Und doch, wenn du lange gegangen bist,“ schreibt sie da,

„bleibt das Wunder nicht aus,

weil das Wunder immer geschieht,

und weil wir ohne Gnade nicht leben können:

die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,

du bläst sie lächelnd aus

wenn du in die Sonne trittst

und unter den blühenden Gärten die Stadt vor dir liegt,

und in deinem Hause

dir der Tisch weiß gedeckt ist.

Und die verlierbaren Lebenden

und die unverlierbaren Toten

dir das Brot brechen und den Wein reichen –

und du ihre Stimmen wieder hörst

ganz nahe

bei deinem Herzen.“

 

Auch uns lädt Jesus immer wieder an seinen Tisch oder eben an sein Kohlefeuer am anderen Ufer der Nacht. Wenn wir seiner Einladung folgen mit unseren Netzen und mit allem, was wir im Gepäck haben, dann geht es uns wie den Jüngern. Dann wissen wir es einfach. Er ist es! In seiner Gegenwart können wir uns ausruhen Und Kraft schöpfen.

 

Aber ebenso gilt, wo wir anderen Mut machen, die Nacht durchzuhalten, wo wir einander hier und heute gut sind und zur Ruhe kommen lassen, wo wir andere nähren und ihnen geben, was sie an Liebe und Zuwendung brauchen, da ist Jesus mitten unter uns. Da lernen wir ihn kennen. Als das Brot unseres Lebens. Da wendet sich unser Schicksal, das in den Nächten so unausweichlich scheint. Nicht Leben und Tod, sondern Tod und Leben heißt es nun. Denn Jesus, der Auferstandene steht am Ufer. Und mit ihm unsere Hoffnung, dass es nach jeder Nacht – auch nach der letzten – wieder Morgen wird und das Wunder geschieht, weil es immer geschieht, und wir ohne Gnade nicht leben können.

 

Wo wir uns danach richten, geht seine Geschichte weiter von Mensch zu Mensch. Da ist sein Evangelium nicht zu Ende. Da heißt es dann wirklich: Fortsetzung folgt!

Amen

 

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.