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28 Oktober
Samstag, den 28.10.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

SEGNEN

Predigt zu 4. Kos 6,22-24

Meine lieben Brüder und Schwestern,

bevor ich den Ariadnefaden, der weit in meine Kindheit reicht, wiederaufnahm und nun als evangelische Pfarrerin bei Ihnen bin, war ich, wie Sie ja alle wissen, in diesem Amt bei den Alt-Katholiken. Und dort ist es wie in der Römisch-katholischen Kirche Brauch, nach der Priesterweihe den ersten „eigenen“ Gottesdienst auf besondere Weise zu feiern.

Fünf Minuten vor meiner „Primiz“, wie dieser erste Gottesdienst heißt, kam ich also deshalb ein bisschen ins Schwitzen, weil meine beiden erfahreneren Konzelebranten nicht so recht begriffen, warum ich mich so dagegen sträubte vor versammelter Mannschaft allen einzeln den so genannten Primizsegens zu spenden.

Schon während meiner Studienzeit an der Hochschule der Jesuiten, in Sankt Georgen, hatte ich mich mehr als einmal kritisch zu Wort gemeldet, als ich mitbekam, dass da in der Seminarkirche alle vor den Neupriestern auf die Knie sanken. Ich fand irgendwie anstößig. Dieses merkwürdige Amts- und Segensverständnisses ging mir gegen den Strich.

Und dann stand ich da selber und musste mich schließlich, weil die Zeit drängte, darauf einlassen, eher den beiden Kollegen als mir selbst zuliebe, jeden einzelnen Besucher ganz allein den Segen zu spenden. Noch dazu wo er ja am Anfang bereits angekündigt war.

Widerstrebend ließ ich mich darauf ein mit der bangen Frage, wie die Gemeinde wohl darauf reagieren würde und ob überhaupt jemand nach vorne kommen würde. Aber meine Sorge hätte ich mir sparen können. Sie kamen alle.

Vom Junior bis zum Senior, von der Frau im Rollstuhl bis zur pubertierenden 14 Jährigen. Für mich war das tatsächlich ein tiefes Erlebnis, das mich bis heute prägt und trägt. Ich habe während dieser Zeremonie begriffen, dass wir m Segen etwas verschenken, von dem wir glauben, dass wir es dürfen. Wir dürfen, ja, wir sollen im Namen Gottes reden und einander Trost zusprechen. Denn dazu sind wir berufen, und zwar wir alle, nicht nur die Pfarrer. Es ist unsere Aufgabe als Christen auch einander Segen zu spenden und selbst ein Segen für andere zu sein.

Und dieser Segen am Ende eines jeden Gottesdienstes erinnert uns daran. Im lutherischen wie im katholischen Gottesdienst auch, wird er verbunden mit der Sendung: „Gehet hin in Frieden!“ Mit anderen Worten: Tragt diesen Segen hinaus in die Welt und schenkt ihn weiter. Und erlauben Sie mir diese kurze Nebenbemerkung: auch wir sollten in der Friedenskirche einmal darüber denken, ob es nicht sinnvoll ist, diese Tradition in unseren Gottesdiensten wieder aufzunehmen.

Während in einem katholischen Gottesdienst die Segensformel von Sonntag zu Sonntag anders lauten kann, bleibt sie bei uns immer die gleiche. Wir leihen uns diese uralten Segensworte aus dem 4. Buch Mose aus und verdanken Martin Luther, dass sie zu jedem Gottesdienst ebenso gehören wie das Amen. Aber wie das leider so ist, können auch die schönsten und besten Worte zum Klischee erstarren, wenn wir nicht mehr auf sie hören oder womöglich im Ritual stecken bleiben.

Und weil das nicht sein darf, möchte ich mir mit Ihnen zusammen diesen alten Segen noch etwas näher anschauen. Dafür habe ich die Fassung des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber gewählt, der mit seiner Übersetzung sehr nah am hebräischen Text bleibt und deswegen vielleicht etwas fremd klingt:

Der Ewige redete zu Mose, sprechend: Rede zu Aaron und zu seinen Söhnen, sprechend: Segne dich der Ewige und bewahre dich, lichte der Ewige sein Antlitz dir zu und sei dir günstig, hebe der Ewige sein Antlitz dir zu und setze dir Frieden. Sie sollen meinen Namen auf die Kinder Israels setzen, ich aber werde sie segnen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, dieser uralte Segen war ursprünglich ein Gruß. Lange bevor er Eingang in die Bibel fand, wurden mit diesen Worten Menschen verabschiedet, die die Sicherheit ihrer eigenen vier Wände verließen, um in die Welt hinauszugehen und sei es nur, um ihr Tagwerk zu tun. In jedem „Servus“, Grüß Gott“ , „Ade“ oder „Grüß Dich“ „Leb wohl“ und „Tschüss“ steckt noch etwas von diesem Segen. Um wie viel mehr auch und vor allem im liturgischen Gruß „Der Herr sei mit Euch!“ Nicht ohne Grund steht er deswegen am Anfang jedes Gottesdienstes.

Auch im vierten Buch Mose stehen die vertrauten Segensworte an der Schwelle von drinnen und draußen, von Heimat und Fremde, von Aufbruch und Heimkehr. Denn die Israeliten haben Ägypten verlassen und sind nun in der Wüste. Aber da ist kein Ort zum Bleiben und Heimischwerden. Immer wieder müssen sie weiterziehen in Länder, wo sie noch nie zuvor gewesen sind. Und sie sind doch schon so müde. Denn sie irren nun bereits schon zwei Jahren lang durch ein ödes Niemandsland. Und da geschieht es, dass Gott Aaron und seinen Söhne, also der Priesterschaft, den Auftrag gibt, das Volk zu segnen. Und zwar nicht irgendwie sondern mit den Worten, die er ihnen in den Mund legt. Und Gott verspricht ihnen, dass er, wann und wo immer sie diese Worte sprechen werden, bei ihnen ist mit seiner Liebe und seinem Frieden.

Dieser Segen ist also wie ein Pfand dafür, dass Gott Israel nie vergisst. Auch in der Wüste nicht. Er ist wie das Kissen, das den halben Koffer des kleinen Jungen bei seiner ersten Klassenfahrt ausfüllt, das aber unbedingt mit muss, weil es Mamas Kissen ist und weil es nach ihr duftet und sein Heimweh erträglicher macht. Und wünschen wir uns nicht auch, diesen Segen immer im Koffer zu haben?

Liebe Brüder und Schwestern,

Es sind drei Sätze, die es in sich haben. Und die jeweils aus zwei Segensworten bestehen: Schutz und Bewahrung, Nähe und Gnade, Zuwendung und Frieden. Es sind also insgesamt sechs Segensworte, die alles umfassen, was wir als Menschen zum Leben brauchen. Zusammen ergeben sie ein wunderbares Bild: Ein Gesicht leuchtet im Dunkeln auf und wendet sich uns voll Liebe zu.

Es ist das Bild einer Mutter, die sich in der Nacht über das Bett ihres schreienden Kindes beugt. Das Kleine sieht sie und ist getröstet. Denn das Gesicht der Mutter leuchtet über ihm.

„Da geht die Sonne auf!“ sagen wir, wenn plötzlich Menschen vor uns stehen, an den wir uns einfach nur freuen. Und wenn sie nicht bei uns sind, ist alles irgendwie grau und leer ohne sie. Wir sehnen uns nach ihrer Nähe. Und wenn sie dann wieder da sind, ist alles gut. Das ist bei den Kleinen wie den Großen so.

Was wir im Deutschen mit „segnen“ übersetzten heißt im Hebräischen „barach“. Und das hat seine Wurzel im Wort für „ansehen.“ Und wer möchte nicht angesehen, angesprochen und anerkannt sein? Wir Menschen brauchen das wie die Luft zum Atmen. Wenn wir nicht auch im doppelten Sinn angesehen sind, tut das weh und macht uns Menschen unglücklich, ob wir uns das eingestehen oder nicht. Nichts ist dann mehr gut. Wenn wir uns aber gut sind, können wir einander ein Segen sein.

In ihm bekommen wir gesagt: „Gott sieht dich! Sein Blick der Güte und der Liebe ruht auf Dir. Wenn alle sich von Dir abwenden, ich, Dein Gott, tue es nicht.“ Diesem Blick zu glauben, heißt dann nicht nur, mich neu zu sehen, sondern auch die anderen. Denn sie sind ja ebenso angesehen wie ich. Es leuchtet dann ein anderes Angesicht über uns als das eigene. Es ist ein anderer Friede da als der mit Waffen erkämpfte und eroberte. Der Ausgang und der Eingang sind nicht von eigenen Truppen bewacht. Sie sind von Gott behütet.

Das hebräische Wort für „segnen“ bedeutet auch „gut heißen“. Refrainartig wiederholt die Schöpfungsgeschichte am Abend eines jeden Tages dieser ersten Woche der Welt: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Gott segnet seine Welt, indem er sie gutheißt. Wenn wir einander und die Gaben dieser Schöpfung segnen, dann ahmen wir Gott nach. Dann schauen wir mit ihm zusammen auf uns und unsere Welt. Denn in allem, was ist, liegt ja Sein Segenswort: Siehe, es ist gut!

Aber ist denn wirklich alles so gut in unserer Welt? Sind Neid, Missgunst und Krieg denn gut? Nein. Die vernichten das Leben statt es zu bewahren.

Und da ist es an uns, das Böse zu benennen und nicht es schön zu reden.

Gott redet nicht alles schön und er erwartet von uns, dass wir es auch nicht tun. „Wenn du das Unrecht bei dir beim Namen nennst …, dann geht im Dunkeln dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag,“ erkannte schon der Prophet Jesaja. Böses böse nennen – auch das ist Segnen. Und so schließt sich dann sogleich die Bitte an, dass Gott uns behüte, uns also vor allem Bösen bewahren möge.

Der Segen ist ein Geschenk des Friedens. Und der ist noch viel mehr als das Schweigen der Waffen. Er ist umfassend und vollständig. Er meint uns ganz. Auf die Frage, was es heißt, gesegnet zu sein, antwortet der evangelische Theologe Fulbert Steffenski mit einer kleinen Geschichte, die erahnen lässt, worum es in diesem Frieden geht, der uns im Segen geschenkt wird. Steffenski spricht da von einem Freund, der mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Einer der Krankenpfleger, ein junger Mann von erfrischender Direktheit sagt zu dem Kranken: ‚Alter Graukopf, du machst jetzt gar nichts. Du denkst nicht, du bewegst dich nicht, du sorgst dich nicht.“ Der Freund sagte später: ‚Die Aufforderung des Pflegers empfand ich in diesem Moment der Gefahr wie einen großen Segen.“

Warum, wohl, liebe Brüder und Schwestern, hat der Kranke diese Bemerkung des jungen Mannes wie einen Segen empfunden? Vielleicht weil der ihn im Augenblick größter Angst Mut gemacht hat, den er so dringend brauchte. Den Mut, nicht krampfhaft zu versuchen, die Kontrolle über sich zu behalten, sondern loszulassen und zu vertrauen.

Das ist verflixt schwer. Denn wir sind so gestrickt, dass wir gerne alles selbst in der Hand behalten wollen. Es ist schwer darauf zu verzichten, Macher und Besorger de eigenen Heils zu sein. Aber wenn wir uns aus der Hand geben, dann stellt sich jener Friede ein, der uns zugesagt ist. Hatte sich in den jungen Krankenpfleger, wenn Sie so wollen, nicht der liebe Gott versteckt? Und hatte der dann nicht für ihn das Wort ergriffen?

Wie viel Kraft nötig ist, auf alle Panzer des Selbstschutzes zu verzichten, habe ich schon mehrfach erlebt. Ich weiß, wie es einem geht, wenn sich bisweilen die eigenen Courage verabschiedet. Und dann nicht aus dem Tritt zu kommen, liebe Brüder und Schwestern, wer von uns weiß nicht, wie schwer das ist.

Denn Gottes Friede stellt sich ein, wo wir loslassen und vertrauen, wo wir glauben und lieben. Es braucht den Sprung. Es braucht den Mut, nicht auf sich selbst zu bestehen und auf alle Panzer des Selbstschutzes zu verzichten, aber der Friede ist da und wartet auf uns.

Der Segen ist der Ort, wo wir das immer wieder üben und erfahren können. Sonntag für Sonntag. Aber auch an jedem anderen Tag, wo einer dem anderen Mut macht und ihm Gottes Segen zuspricht. Wir versprechen einander damit etwas, das wir selbst nicht einlösen können. Aber wir tun es trotzdem. Wie wir die Liebe wagen und das Vertrauen. Denn wir haben Seine Zusage. Die hat er ja schon Aaron und seinen Söhnen gegeben und sagt es uns 2017 ebenso: „Ich werde mit meinem Segen bei Euch sein!“

Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.