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17 September
Sonntag, den 17.09.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

SINGEN

2. Gottesdienst der Predigtreihe „Unser Gottesdienst – Weg im Geheimnis?“

SINGEN

Meine lieben Brüder und Schwestern,

als meine Kinder klein waren, wohnten wir im Rheinland. Ab dem ersten Schultag nach den Weihnachtsferien übten sie im Unterricht Karnevalslieder und lernten sie auswendig. Und so können sie bis heute sämtliche 16 Strophen von „Wenn et Trömmelsche jeht.“ oder „Da simmer dabei. Dat es prima!“

Ich muss ehrlich zugeben: Es macht mir immer wieder Freude, mitten drin zu sein und zu erleben, wie die Menschen, egal welcher Nation, diese Lieder auf der Straße mit vollem Herzen singen. Das verbindet sie, die sich sonst nichts zu sagen haben, miteinander! Das Singen bringt sie alle zusammen.

Auch die Reformation, die wir in diesem Jahr ja besonders feiern, ist eine Bewegung des Singens. Während damals die Gebildeten in den Städten durch gelehrte Vorträge gewonnen wurden, ließen sich die anderen von den evangelischen Liedern begeistern, jene gesungenen Predigten, die auch im Alltag im Ohr bleiben.

Auch wenn Calvin und Zwingli sich mit jeglicher Musik im Gottesdienst schwer taten, ist der Gesang der Gemeinde zum Markenzeichen der Reformation geworden. Warum? Weil in ihm besonders schön zum Ausdruck kommt, dass jeder Gottesdienst immer die ganze Gemeinde umfasst und nicht nur das geistliche Personal im Altarraum.

Schon für den Apostel Paulus waren Hymnen und Lieder wesentliche Bestandteile des Gottesdienstes. Und der römische Gelehrte Plinius bemerkt in einem Brief an Kaiser Trajan, dass die Christen vor Sonnenaufgang zusammenkämen, „um im Wechselgesang ein Lied auf Christus als ihrem Gott zu singen.“

Dass Lieder zu unserem Gottesdienst ebenso gehören wie das Amen, haben wir Christen von den Juden übernommen, die schon im Tempel von Jerusalem darin ihre Freude und Klage, ihren Dank und ihr Lob singend vor Gott ausbreiteten. Und sie erlebten sich dabei im Einklang mit der ganzen Schöpfung.

Denn der Gesang verbindet nicht nur Menschen miteinander verbindet, sondern die ganze Welt ist voll davon. Wenn wir aufmerksam sind, hören wir ihn in den Blätter der Bäume, im Vogelgezwitscher und Walgesang, in den Wellen, im Wind und im Feuer. Also in jedem einzelnen Ton der Natur. Und alle diese Stimmen vereinigen sich zu einem großen Gotteslob, davon erzählen die Psalmen und die Propheten.

Und auch wir stimmen doch in unseren Gottesdienst spätestens mit dem Dreimalheilig in den Lobpreis des Himmels ein und singen mit allen Geschöpfen das Lied der Freude, wie es im Abendmahlgebet heißt. Weil wir glauben, dass Himmel und Erde in diesem Moment jetzt schon so zusammen singen, wie sie es einmal für immer tun werden. In der Hoffnung, dass kein Bombendonner und kein Streit sie mehr übertönen können.

Schon Jesaja fordert die Menschen auf, dem Herrn ein neues Lied zu singen und seinen Ruhm bis ans Ende der Erde! Zu verkünden“ Und auch in den Psalmen erklingt diese Aufforderung immer wieder. „Halleluja!“ – Singt dem Herrn!“ Im jüdischen Bewusstsein ist das ein Lied, das erst dann gesungen wird, wenn der Messias kommt.

Wir Christen glauben, dass wir dieses neue Lied jetzt schon hören können, wenn wir Jesus hören. Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung sieht der Visionär Johannes voller Hoffnung wie die Engel, die Menschen und alle Geschöpfe um Gottes Thron herum versammelt sind und dieses neue Lied anstimmen. Halleluja singen sie. Und seine Visionen sind Einladungen, einfach mitzusingen, so wie wir es schon Sonntag für Sonntag tun.

Er schreibt seine Apokalypse in großer Bedrängnis und Not. Gleichzeitig aber gleichzeitig ist seine Offenbarung durchzogen von Gesang. Immer wieder lässt der Seher ganze Chöre des Himmels auftreten, um sich selbst und allen Bedrängten Mut zu machen.

Besonders eindrucksvoll schildert der Seher diesen Gesang im 15. Kapitel. Ich habe es als Predigttext für heute ausgewählt.

Dann sah ich, wie sich ein gläsernes Meer mit Feuer vermengte, und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine Urteile sind offenbar geworden.

Meine lieben Brüder und Schwestern, ein Medley ist ein Musikstück, das aus mehreren selbständigen Kompositionen zusammengesetzt ist und bei dem die einzelnen Teile fließend ineinander übergehen. Das ist etwas Wunderbares, weil sich darin ein riesiger Klangraum eröffnet. Besonders für alle, die die einzelnen Stücke wiedererkennen und sie mitsummen können.

So ein Medley wird hier in unserem Predigttext gesungen. Denn das Lied, das Johannes da hört, ist eine Collage aus bekannten biblischen Liedern und Psalmen. Und wenn sie nun zusammen erklingen, wird es manchem Hörer so ergangen sein: „Ach, weißt Du noch!“ Und Erinnerungen werden wach, eigene und erzählte, an all jene Momente, wo Menschen Gottes Nähe erfahren haben.

„Wo Menschen hoffen und wo sie den Sinn ihres Lebens suchen, singen sie zwei Lieder,“ schreibt der evangelische Theologe Fulbert Steffensky, „das erste: „Es war einmal!“, das zweite „Einmal wird es sein!“

Und der Chor am Ufer des gläsernen Meeres singt sie beide, weil er sie beide aus vollem Herzen singen kann.

Wer sind die Sänger und Sängerinnen? Was hat es mit diesem gläsernen Meer auf sich, an dessen Ufer sie stehen?

Es ist ein Meer, das mit Feuer gemischt ist, so beschreibt es Johannes. Und es gibt viele hochtheologische Versuche, dieses geheimnisvolle Bild zu deuten. Für die einen ist es die Erinnerung an das Rote Meer.

Andere sehen darin das Himmelsgewölbe mit Blitz und Donner, das halt von oben aussieht wie ein feuerdurchglühtes Meer. Wieder andere sehen in diesem Meer aus Kristall, also in diesem Meer allerhöchster Reinheit, das Reinigungsbad der Taufe. Es gibt aber, so meine ich, eine Deutung, die so alltäglich ist, dass gelehrte Theologen vielleicht schnell an ihr vorbeidenken. Und ich behaupte: Viele von Ihnen haben das, worum es hier geht, selbst schon mal erlebt. Ich auch! Wir fahren nämlich seit Jahren in die Bretagne und wohnen dann dort drei Wochen direkt am Meer. Manchmal vergesse ich, die Rollläden runterzulassen und werde von den ersten Sonnenstrahlen wach. Und dann stehe ich am Fenster und sehe wie die aufgehende Sonne, lange bevor sie selbst zu sehen ist, das Meer mit ihrem Feuer durchglüht. Und wenn ich mir den Chor am Strand des gläsernen Meeres vorstelle, dann stelle ich mir Menschen vor, die staunend zuschauen, wie die Sonne aufgeht und ein neuer Tag anbricht.

Meine liebe Brüder und Schwestern, warum verwendet Johannes dieses Bild des gläsernen Meeres? Ich meine: Er tut das deshalb, damit alle, die sehnsüchtig den neuen Tag erwarten, einfach mitsingen.

Wie komme ich darauf? Dazu muss ich kurz nochmal auf mein Bild vom Karneval zurückkommen. In Bonn werden nämlich diese Lieder nicht nur am Rosenmontag gespielt, sondern auch zB., wenn Flohmarkt ist. Und an manchen Ständen kann man mitten im August „Da simmer dabei!“ hören. Das Faszinierende ist, dass die Leute im Vorbeigehen unbewusst mitsingen. Warum? Weil diese Lieder ihnen so vertraut sind, dass sie gar nicht anders können, als einzustimmen.

Und das macht Johannes genauso für die Menschen, die wie er in Not sind, die Angst haben, die sich ohnmächtig fühlen und gar nicht mehr wissen, was sie jetzt eigentlich noch denken und sagen sollen. Und die bringt er mit seinen Chorauftritten, die einen Medley nach dem anderen darbieten dazu mitzusingen. Warum? Weil sie gar nicht anders können!

Sie singen also nicht erst danach, sprich im Jenseits, sondern schon hier und heute. Und gilt das nicht auch für uns? Wir können doch auch mutig mitsingen ganz egal, ob wir jeden Ton auf Anhieb treffen oder nicht. Wir alle bilden zusammen jenen großen Chor, den Johannes vor Augen hat. Der Chor derer, die sich über den Sonennaufgang freuen, die immer wieder aufstehen, sich all dem widersetzen, was Menschen klein macht, die das Lied der Freiheit und der Liebe singen und damit Mauern überwinden.

 

Es gibt ein Lied von Wolf Biermann, das Ende der 70er Jahre im Widerstand gegen die DDR Diktatur viele Menschen ermutigt hat, für die Freiheit auf die Straßen zu gehen. Und weil es voller Hoffnung steckt vom ersten bis zum letzten Satz, möchte ich es ihnen zum Schluss mit auf den Weg geben:

Du, lass dich nicht verhärten 
in dieser harten Zeit.

Die allzu hart sind, brechen,

die allzu spitz sind, stechen 
und brechen ab sogleich.

Du, lass dich nicht verbittern 
in dieser bittren Zeit.

Die Herrschenden erzittern 
- sitzt du erst hinter Gittern

doch nicht vor deinem Leid.

Du, lass dich nicht erschrecken 
in dieser Schreckenszeit.

Das wolln sie doch bezwecken

dass wir die Waffen strecken 
schon vor dem großen Streit.

Du, lass dich nicht verbrauchen, 
gebrauche deine Zeit.

Du kannst nicht untertauchen,

du brauchst uns und wir brauchen grad deine Heiterkeit.

Wir wolln es nicht verschweigen 
in dieser Schweigezeit.

Das Grün bricht aus den Zweigen,

wir wolln das allen zeigen, 
dann wissen sie Bescheid

Liebe Brüder und Schwestern, das Grün bricht aus den Zweigen. Die Sonne wird aufgehen. Immer wieder. Der neue Tag wird anbrechen. Das Meer leuchtet schon in seinem Licht. Und wir werden aufstehen, jeden neuen Tag begrüßen und mit ihm den, der uns entgegenkommt. Singen wir unserem Gott ein neues Lied!

Amen

 

Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.

Die großen Ferien sind vorbei! Der Alltag hat uns wieder! Im September und Oktober laden wir Sie zu vielen schönen Veranstaltungen und Gottesdiensten ein, die die Ferienstimmung noch etwas in den Alltag hinüberretten sollen.